Philosophische Trilogie

von Bernd Schüll


Vorwort

Die "Philosophische Trilogie" ist kein herkömmlicher philosophischer Text, in dem der Autor die Gedanken seines philosophischen Systems zu Papier bringt. Es ist auch keine Auseinandersetzung mit dem Gebäude Philosophie. Vielmehr ist es in Form und Inhalt eine Mischung aus beiden. Es kommt natürlich nicht ohne den Hintergrund der Philosophiegeschichte aus. In seiner spezifischen Ausprägung will es auch dem Anspruch gerecht werden, dass Philosophie nicht nur Theorie, sondern auch Praxis, also gelebtes Leben ist. Den Kern der Trilogie bilden die Aphorismen. Sie sind in rund 30 Jahren entstanden, nichts aus der systematischen Absicht sie niederschreiben zu wollen. Vielmehr fielen sie mir spontan ein und zwar immer dann, wann ich mich geistig mit dem Sein, der Welt oder der Philosophie beschäftigte. Sie entstanden fast restlos, wenn es mir persönlich gut ging, seltener in Krisensituationen. Sie sind die Summe meines philosophischen Denkens, ich hoffe nicht das Ende. In diesem Sinne möchte ich mich bei allen Menschen und Institutionen die mich, bewusst oder unbewusst, gedanklich berührt haben, bedanken. Sie haben dazu beigetragen, dass meine Philosophie so ist, wie sie ist, was für mich stimmig ist, inklusive der Brüche und Widersprüche. Ich hoffe die Lektüre ist es auch für die Leser..



Aphorismen der Bittlichkeit *

(*Kunstwort aus Bitterkeit und Fröhlichkeit)

Am Anfang war das Wort und es war bei mir, wo es auch geblieben ist. Wie schwach ist doch die Sprache. Sie vermag nichts; nicht einmal sich selbst zu zerstören.


Gewissheit ist der traurige Höhepunkt der Sprachevolution, der zu jedem Verbrechen taugt. Ungewissheit ist der Versuch seinen Antipoden mit noch größerer Intensität zu übertreffen, wohl merkend, dass dieses Unterfangen zum Scheitern verurteilt ist.

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Wer redet oder schreibt tut dies nicht, um etwas Wichtiges mitzuteilen, um die Wahrheit aufzuzeigen oder um ähnlich große Zwecke zu erzielen, sondern er tut dies, weil er Vergnügen an seinem Tun hat, weil es konstitutiver Bestandteil seines Egos ist. Wer nicht redet und nicht schreibt tut dies übrigens zum selben Zweck.


Die Furcht vor dem Tod ist nicht die vor dem Nichtsein, sondern die vor dem bis dahin Nichtgetanem, Nichterlebtem und Nichtgedachtem. Also tu es jetzt!


Wenn es überhaupt ein Ziel gibt, dann ist es das gedankenlose Denken, die Einheit in der Gleichheit oder der begrifflose Begriff.


Gelassenheit ist das Ziel der Philosophie, die wir allerdings genauso wenig festhalten können, wie den orgiastischen Augenblick. Deshalb tasten wir uns immer wieder mit neuen Vorspielen an sie heran. Wenn wir die Gelassenheit hätten, wäre es sie nicht selbst, denn sie ist kein Zustand, sondern ein Prozess.


Wie alle Worte ist auch Liebe nur ein Wort, und entzieht sich damit in seiner Substanz der Beschreibbarkeit. Aber, wer die Gnade erfahren darf Liebe zu erleben, für den ist die unmittelbare Gewissheit der verbalen Unbeschreiblichkeit der Liebe im Bereich der Emotionen ebenso evident und lustvoll wie die des Kantschen Imperativs im Bereich der Vernunft.

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Alle -ismen sind mir zutiefst zuwider. Allen voran der Nihilismus. Es bleibt jedoch nichts anderes übrig, als ihm zu huldigen.


Nichts ist von Bedeutung, noch nicht einmal die Rede vom Nichts. Es kann erst dann wieder einen originellen Gedanken geben, wenn eine neue, nichtmenschliche Sprache kreiert worden ist. Dieses Vorhaben aber wird es einem postmenschlichen Geist vergönnt sein, denn wir sind zutiefst verstrickt in das anthropozentrische Denken.


Obwohl die Sinnlosigkeit der Philosophie schon oft festgestellt, proklamiert oder bewiesen wurde, kann doch das denkende Subjekt nicht davon ablassen, philosophische Überlegungen anzustellen. Dies liegt in der kognitiven Konstitution des denkenden Ichs begründet. Wenn es schon nicht in die Rolle eines geistigen Weltenbauers schlüpfen kann, so gefällt es sich wenigstens in der nihilistischen Zerstörung.


Die eigentliche Schwierigkeit mit dem Denken beginnt dann, wenn alles Sagbare gesagt und alles Denkbare gedacht worden ist. Modernes Philosophieren, d.h. Begriffe und Sprache bis zu ihrem Tode zu analysieren ist langweilig. Doch diese Langweile bewahrt uns davor euphorische Gefühle zu entwickeln, wie dies bei tradierten Denksystemen, in denen es um die wichtigen Substanzen,


wie Wahrheit, Sinn, Weltgeist, absolute Ideen etc. ging, möglich gewesen ist. Damit weist sich die moderne Philosophie selbst in die Schranken; was gut ist, angesichts der permanenten humanen Selbsterhöhung.

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Wenn die Menschen mehr denken würden, könnten sie weniger reden.


Das "Ich" kann die Gehirnforschung durch bedeutungsvolle Theorien erhellen. Doch was sie nicht kann, was übrigens niemand kann, ist, diesen Begriff auf sein sprachloses Fundamentum zu reduzieren.


Allein schon der Versuch jede beliebige Tatsache zu begründen oder zu verleugnen ist eine Untat, die den nihilistischen Geist zutiefst verletzt. Dennoch kommt auch dieser nicht umhin, sich zu artikulieren, also das Verbrechen der Tat zu begehen. Auch die radikale Kritik des abendländischen Denkens kann seine Genese nicht verbergen und schreitet mutig zum Ausdruck. Die wortlose Kontemplation genügt uns nicht. Wir sind dem Wahn verfallen zu meinen, der Mitwelt irgendetwas Wichtiges mitteilen zu müssen und sei es die Nichtigkeit seiner Sätze. Nicht aufhören zu können, zu denken, zu schreiben, zu analysieren - das ist unser Dilemma.


Selbst wenn wir tausendfach das "Nichts" an die Außenwände des Universums geschrieben hätten, würden wir uns letztlich dennoch fragen, was hinter diesen Grenzen liegt.


Bessere Welten zu entwerfen, gleich ob irdisch oder paradiesisch, ist sicherlich die tauglichste Methode, um mit dem Sein fertig zu werden, ihm einen Sinn zu verleihen. Sie bietet die Möglichkeit eine Moral, Ethik oder ähnliches zu entwerfen. Ohne dieses Instrumentarium hätte sich die Menschheit wahrscheinlich schon ausgerottet, was nicht zum Nachteil von irgendetwas gelangt wäre.

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Die Welt des Nihilisten ist trostloser als die der Utopisten, die der Gläubigen oder die der Idealsten, aber sie ist wahrhafter, in dem Sinne, dass man sich selbst seine Wahrheit bzw. Nichtwahrheit - was identisch ist- abringen muss, ohne auf eine Systematik, gegebene Ordnung oder wegweisende Schriften zurückgreifen zu können.


Ein Wunschtraum: das endgültige Nichts beschreiben zu können. Selbst wenn der Philosoph sagt, er bewundere das Tier angesichts seiner Sprachlosigkeit, so kann er sich dennoch nicht im Kontinuum des Kosmos auflösen, denn er bleibt zur Sprache verdammt. Mit ihr ist er ebenso glücklich oder unglücklich, wie der Frosch mit der Fliege, nach der er instinktiv schnappt.


Die Welt als fließendes, ganzheitliche Kontinuum zu begreifen heißt, nicht zu be-greifen, sondern zu sein, als das Eine im Anderen.


Wenn die Menschen der Begriffe so überdrüssig wären, dass sie alle Redenden an ihren Worten aufhängten, dann würden die Schweigenden an der Stille ersticken.


Ebenso wie alles sinnlos ist, inklusive der Rede vom Sinn, ist auch alles sinnvoll, inklusive der Rede von der Sinnlosigkeit.


Lust ist die Möglichkeit die Fülle des Seins zu empfinden, ohne vom Denken geknechtet zu werden. Deswegen ist die Reflexion über sie auch meist lustlos.

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Sich fallen lassen in der Ekstase ist einer der glücklichen Momente zu sein, ohne vom Denken gesteuert zu werden. Dabei ist man dem Nichts, dem Allumfassenden so nahe, wie man es mit Worten nicht beschreiben kann.


Jeder hat seine Form der Meditation, wobei die Methode unwichtig wird, insofern sie zum Ziel führt, nämlich in einem besonderen, mit Worten nicht beschreibbaren Bewusstseinszustand zu gelangen. Das Allumfassende, die Leere, die Fülle, das Absolute sind dabei nur untaugliche Worthülsen, um das Unbeschreibbare zu beschreiben.


Das Normale existiert nur, weil es das Anormale , das Verrückte, gibt, und es ist die vornehmste Pflicht des Philosophen ver - rückt zu denken.


Alles ist widersprüchlich, auch der Widerspruch.


Uns dürstet so sehr nach Wahrheit, dass es uns fast unmöglich ist, im Nichts zu ertrinken. Diese Unmöglichkeit so gut es geht zu realisieren ist die Aufgabe der Philosophie.


Philosophie ist Sinnstiftung und Entsinnung zugleich oder die Sinngebung durch Entsinnen.


Das Absurde ist nicht das Sein an sich, sondern unser Tun in ihm. Obwohl wir wissen, dass das Sein endlich ist, agieren wir in ihm gottähnlich, ewige Welten und Werte schaffend, anstatt es ruhig gewähren zu lassen.


Das Nichtsein ist bei weitem dem Sein vorzuziehen, unter der Voraussetzung, dass man die Wahl hätte, was aber nicht der Fall ist. Denn um über das Nichts, sowie über alles andere nachdenken zu können, ist das Sein die notwendige Voraussetzung.

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Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Wir haben uns dieses nicht ausgesucht, vielmehr sind wir in es geworfen worden. Ebenso wenig haben wir den Ort, die Zeit oder den sozialen Status dieses ins Leben geworfen Werdens gewählt. Ganz zu schweigen von den Kategorien des humanen Denkens. Wir sind verdammt in ihnen zu denken, was das Transzendieren mit einschließt. Zu versuchen dieses Dilemma zu lösen ist die Aufgabe der Philosophie.


Ohne das Sein gäbe es auch kein Nichts. So, wie die Sonne dunkle Gewitterwolken vertreiben kann, gibt es im Leben auch Glücksmomente, in denen man ungeniert proklamiert "liebt das Leben und lebt die Liebe".


Gott ist nicht tot, denn etwas, das nie war, kann auch nicht tot sein.


Diejenigen haben die philosophische Weisheit und Gelassenheit erlangt, die, Sokrates gleich, mit einem Lächeln den Schierlingsbecher austrinken können.


Eines ist für mich gewiss, dass ich mein Ziel, das Nichts, erreichen werde, egal was passiert, egal was ich tue.


Eine zentrale Kategorie des menschlichen Denkens ist der Glaube, fast wie die Kategorien von Raum und Zeit, und wenn es der Glaube an das Nichts. Vielleicht ist dies auch seine radikalste Form.


Keine Philosophie ist die beste Philosophie.


Am Ende wird das Nichts sein und es ist gut so.





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Mallorca, Revolution und die Philosophie
Züge durch meine Welten

Ich sitze in meinem wohl fünftausendvierhundertvierundsechstigsten Begrüßungstreffen, mit dem neu eingetroffene Gästen, die auf ihren Urlaub und die Sehenswürdigkeiten der Insel professionell eingestimmt werden. Das muss sein, schließlich ist man im fremden Ausland, wenn auch nur auf Mallorca, und da ist alles anders als im normalen Alltag. Ich höre den Vortrag des Reiseleiters, wenn gleich ich ihn nicht richtig höre, weil ich ihn schon mehr als tausend Mal gelauscht habe. Wie immer warnt er vor dem Leitungswasser, das keine Trinkwasserqualität hat und den "Nelkenfrauen", die an das Geld der Besucher wollen. Aber alles läuft im Hintergrund ab, wie ein Film, den man schon kennt und zudem schreibe ich gerade. Doch halt: das Stichwort "Cala Figuera" fällt. Plötzlich bin ich wieder hellwach und mittendrin .Ich bin dran, halte mein Kurzreferat über den Ausflug, den ich begleite. Immer der gleiche Text, immer die gleichen Witze, die gleichen Sprüche - aber langweilig wird es nie. Das Publikum ist stets ein anderes, ebenso dessen Reaktion. Manchmal kommen die Witze gut an, Gelächter oder stummes Schweigen und gelangweilte Gesichter. Aber dies ist nicht entscheidend, schließlich bin ich kein Showmaster, sondern in erster Linie Verkäufer. Aus der spontanen Reaktion des Publikums auf dem Vortrag kann man nichts schließen, rein gar nichts. Es gibt die Lacher, die begeistert den Worten lauschen und dann wortlos aufstehen. Es gibt aber auch die Gelangweilten, die mit steinerner Mine den Ausführungen folgen oder auch nicht und dann aufstehen, um zu buchen. Dies ist das Entscheidende. Ich muss nicht unterhalten, sondern soll und will dazu animieren, unseren Ausflug zu buchen. Klar ist die Exkursion schön, ich begleite sie schon seit Jahren. Sie ist abwechslungsreich und täglich neue Gäste, also immer etwas Neues. Ein Kind kotzt, im Bus ist es zu warm, die Lüftung bläst zu stark, das sind die Standards. Kotztüten, sprich ehemalige Plastikbeutel aus dem Supermarkt oder Klebeband vom Chinesen, mit dem man die Düsen der Klimaanlage abkleben kann, gehören zur Grundausstattung des Tourbegleiters. Es gibt jedoch die Highlights: "Wie kommst du - in Spanien duzt man sich ja - auf die Idee als Journalist auszusteigen?" Die wohl meist gestellte Frage auf den Touren.

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Für meine Gäste ist sie wohl interessanter als meine Ausführungen über die Geschichte der Balearen oder über das Wirken des bekannten mallorquinischen Scholastikers Ramon Llull. "Eigentlich bin ich nicht Ausgestiegen" beginnt meine Antwort stets. Genau genommen bin ich umgestiegen, wie schon oft im Leben. Ist dieses Umsteigen nicht das Leben an sich, meldet sich der Philosoph in mir zu Wort. Klar ich bin Reiseleiter, Tourverkäufer, Philosoph, Lehrer, Mensch und noch mehr. Wenn ich so nachdenke, was ich gelegentlich zu tun pflege, dann ist das Umsteigen einer der zentralen Lebensinhalte, das Reifen, das Wachsen, an dessen Ende vielleicht die Weisheit steht. Ein Leben zu führen, das die Einheit von Arbeit und Leben ist, eine nicht entfremdete Arbeit, was das Menschsein ausmacht, was ihn zur inneren Gelassenheit führt, darauf kommt es an, worauf wir noch zu sprechen kommen. Mein erstes Umsteigen erfolgte kurz nach der ersten Kommunion. Bis dahin war ich ein einigermaßen normaler Katholik, wie es in fränkischen Kleinstadt üblich war. Es war nun einmal, dass man am Sonntag in die Kirche ging. Das "man" in meinen Fall waren mein Opa und ich. Wir gingen in die Kirche um zehn Uhr. Das ganze war spannend, ein Ritual das ich nicht verstand, weil der Hauptakteur, sprich der Pfarrer, Latein sprach. Alles war vertraut, man wusste automatisch, wenn man aufzustehen hat, sich knien sollte oder betet. Die Kirche war ein spannendes Event, etwas mythisch, aber eben vertraut. Diese Rituale, das Weihrauch verströmen lassen, die Wandlung etc. das sind auch die Stärke der katholischen Kirche. Sie sind neben den Inhalten sinn- und ordnungsstiftend. Übrigens braucht jede Ideologie solche Rituale, gleich ob Hostie oder geballte Faust. Freilich wusste ich dies damals noch nicht. Viel wichtiger war auch, was nach dem Gottesdienst auf der Tagesordnung stand. Es gab den leckeren Sonntagsbraten von Mutter, der so gut schmeckte, dass ich mich, obwohl ich ganz gut koche, nie an ihn herangewagt habe, was natürlich auch ein Mythos ist . Alles hatte seine Ordnung und es war gut so. Auch das mit dem Religionsunterricht fand ich spannend. Vielleicht etwas obskur, denn der junge Priester der uns unterrichtete meint schwätzende Schüler mit Kreidestücken bewerfen zu müssen. Da ich aber ein braves Kind war, wurde ich nicht Opfer der Kreideattacken. Die Inhalte die er verbreitete fand ich spannend. Die Geschichte mit den Wundern, die Erzählungen aus fremden Ländern und Kulturen. Das mit Gott war auch in Ordnung. Irgendjemand musste ja zuständig sein für alles das was ist und so

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wie es ist. Warum sollte es nicht der gütige Gott sein, der Übervater. Damit war es logisch, dass dieser uns Anleitungen geben musste, wie wir uns ordentlich verhalten sollen, als Mensch und Christ, für die Moral also. Dies wurde dann eben auch in die Vorbereitung auf die erste Kommunion gelehrt. Natürlich bestiehlt man seine Klassenkameraden nicht, weil man selbst nicht will, dass man bestohlen wird. Das hat schon meine Mutter gesagt, wobei sie mir unbewusst Kant nahe gebracht hat und das Argument war einsichtig. Warum sollte die Gott nicht in zehn Gebote gießen? Doch dann wurde es plötzlich seltsam, denn wir lasen den Beichtspiegel, der uns eröffnet hat, welche Sünden wir begehen könnten. Da standen die seltsamen Worte: "Du sollst keine unkeuschen Bilder anschauen oder Gedanken haben." Was sind unkeusche Bilder fragte ich mich zusammen mit meinen Klassenkameraden und dazu zählten auch Mädchen. Wir konnten uns keinen Reim darauf machen. Also schreiben wir diese Sünde auf unseren Beichtzettel und trugen sie artig dem Pfarrer bei der nächsten Beichte vor. Dieser wurde bei der Anhörung sichtlich nervös und interessiert. Die Buße, die Zahl der Gebete erhöhte sich. Aber direkt reagiert hat er nicht, auch bei mehrmaliger Wiederholung des Vorganges. Hilfe suchten wir bei älteren Mitschülern. Diese antworteten mit herablassendem Besserwissen: "Na, unkeusche Bilder sind Fotos von Nackten!" Aha, aber warum sollte ich mir die Bilder von nackten Frauen anschauen, nur um es später beichten zu können. Mein Urvertrauen zur Religion war angeknackst, aber noch nicht zerbrochen. Nach der Kommunion sollte ich Ministrant werden, denn ich war bis dahin immer recht gut in diesem Fach gewesen und eben auch ein braver, pflegeleichter Junge. Ich konnte mir durchaus vorstellen in diesem spannenden Ritual namens Gottesdienst mitzuwirken. Also nahm ich am Ministrantenunterricht teil. Es wurde viel über die Regeln, die Vorschriften gesprochen und Spiele gespielt. Jedoch die Fragen, die mir auf den Nägeln brannten wurden nicht diskutiert. Wenn Gott allwissend ist, dann weiß er doch auch wie ich mich entscheide in jeder Situation, folglich kann ich mich nicht frei entscheiden. Wenn Gott allmächtig ist, kann er alles, er kann wollen, dass ich auch an ihn glaube. Entscheide ich mich dagegen, kann es im völlig gleich sein. Warum soll ich ihn - den Allmächtigen heiligen, was hat Gott davon, warum braucht er mich? Solche Fragen wollte ich sprechen und nicht Seilhüpfen oder ähnliche Spiele

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betreiben. Jedoch zu ernsthaften Diskussion über religiöse Inhalte kam es nicht, . Zweifel waren nicht erwuenscht. Schrittweise beendete ich meine Aktivitäten bei den Ministranten und ernsthafte Zweifel an die Institution katholische Kirche kamen auf. Es kam noch schlimmer. Mein Elternhaus war eher links, mein Vater aktiver Gewerkschafter und wir lebten in einer Arbeiterstadt. In dieser stellte die SPD traditionsgemäß den Oberbürgermeister. Obwohl ich damals natürlich nicht politisch war, wusste ich, anders als in vielen Teilen Restbayern, dass es nicht nur die CSU als gottgegebene Staatspartei gibt. So verwunderte mich es sehr, dass an einem Wahlsonntag der Pfarrer von der Kanzlei aus seine Schäfchen nicht nur auforderte ihr Wahlrecht wahrzunehmen, sondern außerdem sie ermahnte bei der Partei ein Kreuzchen zu machen, die "christlich" in ihrem Namen hatte. Das war eindeutig zuviel. Diese Institution, die so viele Probleme mit sich hatte, praktisch und theoretisch, die keine Antwort gab auf grundlegende Fragen ihres Seinbereiches, sollte es tunlichst unterlassen sich in andere gesellschaftlichen Sektoren einzumischen. Meine Kirchenbesuchen entfielen ab sofort der Zweifel am Glauben wurde immer größer und entdeckte das kritische Denken. Der Auszug aus dem Glaubensgebäude war befreiend der kritische Geist zog mich magisch an, ohne freilich zu wissen wie schnell ich wieder in eine Glaubensfalle tappte, die mich länger und fester fesselte, als das Christentum. Die gleißende Sonne brennt durch die Busscheibe auf mein Gesicht. Als Reiseleiter sitze ich natürlich in der ersten Reihe und erzähle meinen Gästen allerhand über die Insel. Alles was ich referiere entspricht den Tatschen, denn ich gehöre nicht zu den Tourguides, die aus mangelndem Wissen irgendwelche wilden Stories erzählen. Natürlich gehören auch kleine Witze zum Programm, denn die Stimmung ist ein wichtiger Aspekt für den Erfolg eines Ausfluges. So etwa, wenn mich ein Gast fragt, wie dieser oder jener Baum heißt, den ich nicht kenne. Dann antworte ich: "Das ist ein Soda-Baum, der steht einfach nur so da!". Warum ich gerade auf wilde Stories komme? Diese erlebt man gerade auf der Sonneninsel Mallorca zu hauf. Man könnte fast zu der Überzeugung kommen, die Insel hat eine magische Anziehungskraft auf alle, die zur Realität ein besonderes, um nicht zu sagen gestörtes Verhältnis haben. Ich erinnere mich an einen meiner ersten Arbeitsgeber auf Mallorca, einen

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vereidigten Sachverständigen für Schimmelbefall und Immobilien-Wertermittlung. Wie viele andere Deutsche auf den Balearen sprach er kein Wort Spanisch und war natürlich auch nicht von spanischen Gerichten zugelassen. Aber beides störte ihn nicht, seine Aktivitäten entfalten zu wollen. Ich sollte für ihn die Öffentlichkeitsarbeit auf die Beine stellen. Um dies realisieren zu können, muss man als PR-Berater natürlich erst einmal selbst verstehen was der Kunde eigentlich will. Der Sachverständige, so seine Aussage, muss feststellen, dass in einer Wohnung, in einem Haus, ein Schimmelbefall vorliegt. "Gut und was geschieht dann? Sie schlagen vor was, man gegen den Schimmelbefall unternehmen kann", fragte ich etwas naiv. Nein mit nichten, antwortete er, er stelle nur fest, dass ein Schimmelbefall vorliegt. Punkt. Dann habe er Immobilienbesitzer dies sachverständig festgestellt bekommen. "Aber, dass meine vier Wände von Schimmelpilzen befallen sind, kann ich auch selber erkennen", erwiderte ich zögerlich. Das reicht aber nicht konterte mein Auftraggeber, diese muss von einem amtlich bestellten Sachverständigen festgestellt werden. Sein Gutachten ist die Grundlage für entsprechende Gegenmaßnahmen: "Und dieses schlagen sie dann vor " meinte ich erkannt zu haben. Nein, das nicht, denn dies ist die Aufgabe von Spezialfirmen meinte der Spezialist für Schimmelfeststellung, wobei er allerdings mit keiner dieser Firmen zusammenarbeitet. Dies konnte man auch daran erkennen, dass alle Wände seiner bescheidenen Behausung sehr stark vom Schimmel befallen waren. Was er wohl festgestellt, aber nichts dagegen unternommen hatte. Ähnlich stand es mit seinen Qualitäten als Wertbestimmer von Immobilen. Denn diese fehlten gänzlich, da er weder Architekt, Bauingenieur oder so etwas war. Nach mehreren Anläufen hatte ich einige PR-Texte geschrieben, welche die Akzeptanz des Sachverständigen gefunden hatten. Was auf der Insel nicht sicher ist: er bezahlte meine Arbeit, wenn auch nicht in der ausgemachten Höhe. Was für mich an ein Wunder grenzt: die Lebenskünstler schaffen es immer wieder auf der Insel weiter zu existieren. So stellt auch heute noch der Spezialtist Schimmelbefall fest. Ein weiteres glänzendes Beispiel in der Galerie dieser Spezies ist der Bestatter. Natürlich hat auch er in Deutschland niemals als Bestatter gearbeitet. Vielmehr sagte er, er sei Schreiner. Selbstverständlich sprach er kein Wort Spanisch und hatte keine Ahnung von den gesetzlichen Bestimmungen, die rund um das Bestattungswesen in Spanien gelten. Dafür glänzte die brillante Idee aus seinen funkelnden Augen. Er

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wollte die ausländischen Leichen, oder besser gesagt die Ausländer die auf der Insel eines natürlichen Todes oder durch einen Unfall gestorben waren, einsammeln in ihre jeweiliges Heimatland transportieren. Zu diesem Zweck hatte er einen Pferdetransporter mitgebracht, mit dem man gleich zwei Särge bewegen könnte. Genauso wie es ihm nie an neuen Ideen mangelte, mangelte es ihm stets an Geld. Daher bot er mir an, mit ins Bestattungswesen einzusteigen, was ich dankend abgelehnte. Wenn es notwendig sei, würde ich ihm bei Behördengängen und Übersetzungen behilflich sein. Dies brachte ihn auf die Überlegung, die selbst erfahrene Mallorcakenner nur noch staunen lässt: Er wollte eine Aktiengesellschaft gründen, wobei der Sterbliche mit den Kauf einer Aktie das Recht erwarb auf einen noch zu erstellenden Friedhof auf Mallorca begraben zu werden. Ein potentielles Grundstück hatte er sich schon ausgewählt, ohne freilich zu wissen wem es gehört und ob es der Betreffende für einen Friedhof verkaufen wollte. Als seine Geldknappheit immer größer wurde, wollte er seine Pferdetransporter, mit deutschen Kennzeichen verkaufen, ohne ihn umzumelden - was ein nahezu unmögliches Unterfangen ist. Als ich ihn das letzte Mal auf der Insel traf, drückte er mir sein Handy in die Hand und erklärte mir, es müsse schnell nach Deutschland zurück, weil er einen potenten Investor an der Angel hatte. Warum sollte ich dann sein Handy haben? Es könnte ja sein, dass eine seiner mallorquinischen Geschäftspartner anrufen und ich könnte nun einmal Spanisch, meint er. Ja und wenn er dann mit Kapital zurückkäme, würde er so richtig loslegen. Ich könne ja jetzt schon einmal zu einem Schlosser gehen, um eine Metalltisch zu bestellen, auf dem er dann die Leichen waschen und herrichten könne. Auf einem Bierdeckel malte er mir auf, wie ein solcher Tisch aussieht. Wichtig sei unten ein Loch und ein Auffangbehälter, in den die Körperflüssigkeiten fließen konnten - vier, fünf Liter müssen der schon fassen. Einen solchen Tisch in Handarbeit zu erstellen, würde wohl so um die 2000 Euro kosten. Die sollte ich kurzfristig auslegen - ich konnte nicht. Das Handy klingelt nur einmal: Es war die deutsche Polizei, die auf der Suche nach dem Bestatter war. Vom Bestatter habe ich später noch einmal in der Zeitung gelesen. Irgendwie hatte er wohl Geld aufgetrieben - ich tippe auf eine Frau. Damit hatte er sein Bestattungsinstitut eröffnet.Sein erster Kunden, eine deutsche Leiche, war sein Untergang. Die mallorquinische Bestatterkonkurrenz hat ihn voll auflaufen lassen.

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Beim Transport und der Aufbewahrung des Leichnams hatte er gleich gegen mehrere Gesetze verstoßen und eine Lizenz für die Verbrennung konnte er nicht aufweisen. Er musste seinen Kunden an die Konkurrenz abgeben, und eine saftige Strafe bezahlen: der Tod des Bestattungsunternehmens. Die Geburt meines neuen Weltbildes, mit ungeahnten Folgen, erfolgte in der Schule. Mittlerweile war ich von der Hauptschule, wo ich als sogenannter Spätzünder, erst nach der fünften Klasse im Gymnasium gelandet. Besonders interessierte mich die Geschichte, Gesellschaften, wie Menschen miteinander umgingen. Das Schicksal näherte sich in Form eines jungen Geschichtslehrers, der geprägt von der Bildungseuphorie dem Frontalunterricht den Kampf angesagt hatten. Die Schüler, also wir, sollten uns einbringen, aktiv werden und uns selbständig mit den Inhalten auseinandersetzen. Das Schülerreferat bildete in diesem Zusammenhang die angesagteste Methode. Wir hielten also fast jeden Monat ein Referat und durften uns demokratisch das Thema auswählen. Aus welchen Gründen heraus weiß ich nicht - ich wählte den Gesellschaftstheoretiker Karl Marx. Vom Kommunismus hatte ich wohl schon etwas gehört, das war etwas, das im Osten herrschte und irgendwie undemokratisch sei. Bei der Erstellung der Referate stützen wir uns in der Regel auf Sekundärliteratur. Aus mehreren Quellen schrieben wir den Vortrag, niemand unterzog sich der Mühe Originaltexte zu lesen, die meist sehr umfangreich und schwer verständlich waren. So ging ich auch bei Marx vor. Ich besorgte mir einige Bücher über ihn und fing an, das Wesentliche zusammenzuschreiben. Aber irgendwie faszinierte mich dieser Denker: seine klare Analyse, sein präzises Denken und die Reduktion aller Probleme auf einen zentralen Punkt. - die Verteilung der Produktionsverhältnisse. Er reduzierte die Gesellschaft, wie ich meinte, auf den wirklichen Kern: die Arbeit und deren entfremdete Form. Diese verhinderte, dass der Mensch zum wirklichen Menschen werden kann. Es war ganz einfach: die Auflösung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse würde eine neue Vergesellschaftung schaffen, die zum Kommunismus führt. Da könnten die Menschen frei leben, jede arbeitet nach seiner Fähigkeiten und befriedigt dabei seine Bedürfnisse. Der kapitalistische Zwang zur Mehrwertproduktion und die objektiv notwendige Erhöhung der Profitrate würden aufgehoben. Kein Konsumterror, keine Zwänge - der freie

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Produzent organisiert sich selbst mit seinen Genossen. Den Weg dorthin konnte nur die geknechtete Masse, die Arbeiter also, selbst beschreiten. Sie war gestählt durch die kapitalistische Produktion und schwafelte nicht herum, wie die anderen kleinbürgerlichen Philosophen. Nur ihr falsches Bewusstsein, das den Arbeitern der perfide Kapitalismus aufgepfropft hatte, müsste ihnen genommen werden. Das war gerade die Aufgabe der Revolutionäre. Philosophen sollten nicht weiterhin die Welt interpretieren, sondern sie verändern. Marx begeisterte mich. Ich verschlang seine Texte: das bekannte Manifest ebenso wie die wenig bekannteren Texte, wie die "Pariser Manuskripte". Aber lesen alleine genügt nicht, man muss etwas tun! Plötzlich war die Welt ganz einfach zu erklären: den schmutzigen Vietnamkrieg, mit Napalmbomben auf kleine Kinder gab es wegen des Imperialismus, die aggressivste Form des Kapitalismus, der Hunger auf der Erde, Apartheid in Südafrika, die Ausbeutung der bolivianischen Minenarbeiter, Kinderarbeit in Indien - das alles resultierte aus der kapitalistischen Form der Mehrwertproduktion. Geistige Unfreiheit, Unterdrückung in jeder Form, die Diskriminierung der Frau alles das Resultat dieser Produktionsverhältnisse. Jetzt müssen wir uns nur noch zusammenschließen und den gordischen Knoten der Produktionsweise zerschlagen. Und da waren auch die Vorboten der Revolte, die Studenten die in Metropolen rebellierten- 1968 war im Aufbruch.Aber bei uns der Kleinstadt, die Revolution? Doch eines Tages ereignete sich Unerhörtes. Zur Vorgeschichte: Unser Gymnasium, ein altes Gebäude aus den 30iger Jahren, hatte zwei Eingänge. Das große Hauptportal über eine Treppe mit vier Türen und ein Hintereingang, durch ein Gewölbe mit zwei Türen. Ersteren Zugang durften jedoch nur die Lehrkräfte benutzen. Rund 500 Schüler zwängten sich täglich durch das Gewölbe, durch den Nebeneingang und dann das Unfassbare: der kleine Schülereingang war zu, der Hausmeister konnte die Tür kurz vor Acht, denn früher durften wir nicht in das Gebäude - egal ob es regnete oder schneite - nicht öffnen. Die zwei Holztüren waren mit Schrauben fest verbunden und das ganze musste über Nacht geschehen sein. Die Aufregung war groß - was ist zu tun. Wir, die Schüler mussten erstmal warten, draußen, vor der Tür natürlich. Der Lehrerrat tagte und entschied, dass der Hausmeister möglichst schnell die Türe aufschrauben sollte - wir mussten solange warten und trabten etwa eine halbe Stunde später in unsere Klassenzimmer. Das war aber erst der Auftakt.

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Zwei Tage später war den Schülereingang zugemauert, mit massiven Betonsteinen. Wir warteten wieder. An eine schnelle Öffnung war nicht zu denken und wir durften zum ersten Mal und lange Zeit auch das einzige Mal durch das Hauptportal in das Gebäude. Die Revolution war in Schweinfurt angekommen. Unverzüglich begab ich mich auf die Suche nach den revolutionären Aktivisten, was gar nicht so einfach war, denn diese beherrschten schon die Technik der konspirativen Arbeit, die später unser Denken fast in die Schizophrenie trieb. Im äußeren Zirkel traf man sich zwanglos um politische Fragen zu diskutieren. Zu diesen teach-in konnte jede kommen, der Interesse hatte. Und da spürte ich wieder diese Faszination von Marx: alle Phänomene der Welt konnte auf ein einfaches Prinzip, die kapitalistische Ausbeutung reduzierte werden. Deren Aufhebung versprach dann auch die Lösung aller Probleme, so einfach war das. Im Diskussionszirkel wurde dann selektiert: wer voll auf der Linie lag, keine Kritik anbrachte, durfte richtige politische Aufgaben erledigen oder wurde sogar in die Organisation aufgenommen werden. Was die Organisation genau war wusste ich nicht, wie keiner der sogenannten Symphatisanten. In "die Organisation" musste man sich hochdienen. Sie war etwas Geheimnisvolles, fast schon Mythisches. Der erste Schnitt dorthins war das legendäre "Rote-Fahne-Verkaufen". Was es genau beinhaltet wusste auch niemand, aber es war die erste revolutionäre Tat, in der man sich beweisen musste. Irgendwie dachte ich daran, dass man rote Stoffwimpel, eben Rote Fahnen, irgendwo verkaufen sollte. Gleichzeitig waren mir aber diese Stoffgebilde im Stadtbild nicht sonderlich aufgefallen. Nach mehreren Gesprächen und offensichtlichen charakterlichen Eignung wurde ich zu einem Vorgespräch zum "Roten-Fahne-Verkaufen" eingeladen. Etwa zehn Personen trafen sich im Nebenzimmer einer griechischen Kneipe. Der Hauptredner und offensichtlicher Chef war ein ehemaliger Mitschüler aus den höheren Klassen, den ich einige Male schon gesehen hatte, der aber nicht mehr das Gymnasium besuchte. In leiser, fast beschwörender Sprache erklärte er das Geheimnis des Rote-Fahne-Verkaufens. Es ging darum das Zentralorgan der Partei, oder besser gesagt der politischen Sekte, die "Rote Fahne"- eine Zeitung also, zu verkaufen. Das Ganze erfolgte früh von 4.30 bis 5.30 Uhr von

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den Fabriktoren, einmal im Monat. Wie schon erwähnt, lebten wir in einer Arbeiterstadt, mit vier Großbetrieben der Metallindustrie und rund 50.000 Arbeitern. Also ging es los zum Proletariat. Wir trafen uns um vier Uhr morgens an Hauptbahnhof zehn Möchtegern-Revolutionäre, jeder bekam 20 Exemplare der Zeitung und eine Fabriktor zugeteilt. Große Tore wurden mit zwei Verkäufern ausgestattet. Wie wir in der Schulung gelernt hatten, sollten wir die "Rote-Fahne" hochhalten und laut rufen: "Die neue Rote Fahne - Die Haupttendenz in der Welt ist Revolution" - oder wie sonst auch die Hauptlosung - journalistisch gesprochen die Schlagzeile -lautete. Dann kamen die Subjekte der Revolution, die Arbeiter anmarschiert, müde und schlecht gelaunt, die meisten jedenfalls. Wir sprangen auf sie zu und verkündeten die Hauptlosung. Unfreundlich, mit der Hand abwinkend, war die positivste Reaktion, die uns dabei entgegen schlug. Häuftiger war schon die eindeutige Aufforderung "Geh doch nach Drüben" oder "Schlaf dich lieber aus, bevor du hier nervst". Aber das war eben das falsche Bewusstsein, das den geknechteten Arbeitern vom ideologischen Überbau des Kapitalismus aufgezwungen wurde. Dazu gehörte eben auch die Bild-Zeitung, die massenhaft in Ständern von den Arbeitern gekauft wurde. Mit fünfzig Pfennig war die "Rote-Fahne" zwar nur unwesentlich teurer wie das Boulevardblatt. Jedoch schrieb dieses in der Sprache der Arbeiter über die Themen die sie interessierten. Über die neusten Skandale, über die linke Chaoten, über schwule Intellektuelle. Und Bild hatte die Bilder, die Arbeiter sehen wollten - nackte Brüste, ausgeflippte Prominenz, besoffene Politiker. Wir hatten zwar die Wahrheit - die reine proletarische und unsere Wahrheit -, die aber die Werktätigen nicht interessierte. Zudem waren die Artikel in einer Sprache geschrieben, die ein Normalsterblicher, ohne marxistische Schulung, nicht verstehen konnte. Im Schnitt verkauften wir rund zehn "Rote Fahnen" pro Aktionstag. Die meisten davon an Genossen, d.h. an ehemalige Schüler, die in die Betriebe gegangen waren, um dort die Revolution voranzubringen. Die restlichen verkauften wir an barmherzige Arbeiter, die uns ein Erfolgserlebnis vermitteln wollten. Das ganze veranstalteten wir rund drei Jahre, bei Regen, Schnee und Frost - einmal im Monat vor den Fabriktoren. Zweifel an unserem Tun beschlichen uns dabei nicht. Dafür wurden wir immer findiger in der Erklärung unserer Misserfolge. Wenn die Haupttendenz in der Welt die Revolution war, dann heißt dies ja nicht, dass auch in Deutschland dies die Haupttendenz sein musste, es konnte ja auch die

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Nebentendenz sein. Seiten um Seiten füllten diese Erklärungsmuster, mit denen wir uns unsere Welt erklären mussten, die eben nicht die Welt war. Schlimmer entwickelte sich, wahrscheinlich wegen des permanenten Misserfolges, der Umgang untereinander, zwischen den Genossen und vor allem Genossinnen. Zwei von diesen fehlten immer, wenn es zum wichtigen Verkauf kam. Sie hatten verschlafen, keine Lust oder eher wahrscheinlich: die Unsinnigkeit dieses Tuns erkannt. Einen unterschied zwischen Genossinnen und Genossen machte ich im Übrigen nicht. Wir waren Revolutionäre, keine Jungen oder Mädchen, die Geschlechtsunterscheidung, Sex und so, alles kleinbürgerlicher Scheiß, den es zu überwinden galt. Das war wohl auch der Grund, dass ich bereits nach einem Jahr als Genosse der Spezialist für Schulungen "Gegen den Liberalismus" geworden bin - so eine Art Großinquisitor der Revolution. Und ich tat dies gerne, denn es war logisch, notwendig und unausweichlich, dass wir unsere gesamten Kräfte der Revolution widmen müssen. Diese Schulung war nichts anderes als eine Gehirnwäsche: statt des Wahrheitstester der Scientologen hatte ich ein wild zusammengewürfeltes Zitaten-Sammelsurium von Marx, Lenin, Stalin und Mao mit denen ich die Beschulten solange konfrontierte bis sie nicht mehr wussten, wo hinten und vorne ist. Sie gelobten, beim Schweif der Revolution Besserung bis zur nächsten Schulung gegen den Liberalismus. Immer neue Schulungen führen mich zurück nach Mallorca. Wie schon erwähnt, trifft man auf der Sonneninsel die irrsten Typen, mit den verrücktesten Ideen. Dies ist im Prinzip nicht verwunderlich, denn wer ins Ausland geht, um dort zu leben und zu arbeiten, unterscheidet sich schon vom normalen Durchschnittsbürger. Der zufriedene Finanzbeamte, der erfolgreiche Handwerksmeister oder die etablierte Chefsekretärin kommen eher nicht auf die Idee im Ausland ein neues, anderes Leben zu beginnen. Diejenigen, die nach Mallorca kommen um hier zu leben, tun dies aus einer Kombination verschiedener Motive. Es sind zum einem Illusionen über das Leben im Süden, es ist Abenteuerlust, die Suche nach etwas Neuem. Andererseits sind es gescheiterte Existenzen, die von der Insel magisch angezogen werden, die Lebenskünstler, diejenigen, die zwar die tollsten Geschäftskonzepte im Kopf haben, dann aber kläglich scheitern. Das bei weitem am beliebteste Scheiterungsmodell ist es auf den Balearen eine Kneipe aufzumachen, ohne von der

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Gastronomie die geringste Ahnung zu haben. Aber ich habe auch die getroffen, die hier eine Zeitung herausgeben wollten und da ich mich in diesem Metier auskenne, habe ich auch die Finger davon gelassen. Ja, was hat aber mich auf die Insel geführt? Ich hatte einen relativ sicheren Job als Redaktionsleiter, hatte über 30 Jahre im Journalismus gearbeitet, insofern hätte ich die Pensionierung abwarten können. Auch bei mir war es eine Kombination mehrerer Faktoren. Da war zunächst die Langeweile, die sich in jedem Job im Laufe der Zeit einstellt. Die hundertste Stadtratssitzung ist nicht wirklich spannend und zum X-sten Mal über die Eröffnung eines Kebab-Ladens zu schreiben, ist keine journalistische Herausforderung, jedoch ökonomisch notwendig. Zudem erlebte ich es immer häufiger bei Kollegen, die ein paar Jahre älter waren als ich, die Pläne schmiedeten, was sie alles unternehmen werden, wenn sie erst im Ruhestand sind. Sie werden dann richtig aufwendig recherchieren, die Enthüllungsstories schreiben, all ihr Wissen der Öffentlichkeit preisgeben, ohne die Zwänge verlegerischer Vernunft, sie werden reisen und ... Doch was geschah; meist nichts, sie langweilten sich im Ruhestand oder sie starben ein, zwei Jahre nach dem Austritt aus dem Berufsalltag. Sie waren einfach nicht vorbereitet den Stress des Journalistenalltags, mit Terminen, Deadline, Pannen in der Technik abzuschalten und in ein neues Leben umzusteigen. Ein weiterer Faktor war für mich die Neugier. Ich wollte etwas Neues aufbauen, in einem anderen Kulturkreis leben, weswegen ich auch bereits Spanisch lernte, ohne den endgültigen Entschluss gefasst zu haben, nach Mallorca umzuziehen. Auch die südländische Mentalität - das mañana-Gefühl , das ruhigere Leben ohne den allmächtigen Terminkalender als Regulator waren ein Faktor. Viele führen auch die Sonne, das angenehmere Klima als Entscheidungsgrund an, der bei mir keine wesentliche Rolle gespielt hatte. Mir war klar, dass ich bis zum Alter vor 50 Jahren die Entscheidung treffen muss, weil sonst würde meine innere Stimme sagen: die paar Jahre bis zur Rente schaffst du jetzt auch noch. Also überlegte ich, ganz ohne Zeitdruck, jedoch mit Ernsthaftigkeit, wie ich den Umzug auf die Insel ökonomisch gestalten könnte. Sicher war ich mir, dass ich nicht bei einer der beiden ansässigen deutschen Wochenzeitungen als festangestellter Redakteur arbeiten wollte. Da hatte ich mich schon erkundigt. Ein großer Teil der Arbeit besteht darin Artikel aus spanischen Zeitungen zu übersetzen und in eine deutsche Form zu bringen. Außerdem waren beide Arbeitsplätze rund eine Autostunde von meinem Wohnsitz entfernt. Als freier

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Journalist zu arbeiten, konnte ich mir eher vorstellen. Da hatte ich bereits Erfahrungen gesammelt während meines Lebens als freier Journalist in Deutschland mit enger Beziehung zu Mallorca. Ich verwertete also mallorquinische Themen wie "Heiraten auf Mallorca", "Tierheime auf der Sonneninsel" für deutsche Zeitungen oder Zeitschriften. Auch für andere Medien war ich in dieser Zeit tätig, so als Locationscout für die Fernsehsendung "Frauentausch" oder ich organisierte eine PR-Tour für Lisa Fitz auf Mallorca. Diese Aufträge werden zwar gut bezahlt, das Problem besteht jedoch darin, regelmäßig Folgeaufträge zu bekommen. Alles schien mir ziemlich unsicher. Nun war ich ja nicht nur gelernter Journalist, sondern auch studierter Philosoph. An der Volkshochschule hatte ich zahlreiche Philosophiekurse gehalten. Warum dies nicht wirtschaftlich nutzen? In Deutschland gibt es etliche Philosophische Praxen, d. h. Einrichtungen in denen sich Menschen mit philosophischen Fragen beschäftigen um besser mit dem Leben zu Recht zu kommen. Alltagsphilosophie oder praktische Philosophie heißt das Ganze und ich besuchte einige dieser Kurse. Das bot sich doch für Mallorca gerade zu an - unter der Sonne im Palmengarten zu philosophieren, so wie Sokrates oder Epikur in der Antike. Der Gedanken gefiel mir zusehends. Aus den Gesprächen mit den Kollegen erfuhr ich, dass das Hauptproblem der philosophischen Praxen darin besteht, genügend Kunden zu finden, die bereit sind für die Kurse zu bezahlen. Wer gibt schon Geld aus für so etwas Seltsames wie Philosophie, etwas was man nicht richtig fassen kann. Einfacher ist es da schon Kurse für Yoga, Malen oder selbst esoterische Schmankerln wie Engelserfahrung anzubieten. So modifizierte ich meine Vorstellungen: die Kurse sollten nicht nur für Privatpersonen angeboten werden, sondern ich gestaltete sie so, dass sie auch Incentives für Unternehmen sein konnten. Die erfolgreichsten Mitarbeiter erhalten, zu weiteren Motivation, vom Unternehmen ein kleines Geschenk, häufig wäre dies ein paar freie Tage, verbunden mit einer Reise, so die Grundidee des Incentiv. Warum sollte es dann nicht nach Mallorca gehen. Ich entwickelte ein Gesamtkonzept, das Freizeit, Unterhaltung mit einem philosophischen Seminar verband. Die Response von einigen angeschriebenen Unternehmen war durchaus positiv. Gleichzeitig war mir aber klar, dass das Seminarkonzept nicht alleine die Tragfähigkeit für mein ökonomisches

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Auskommen besaß. Ich suchte also nach einem zweiten Standbein. Der berufliche Zufall führte mich zu einem Elektrohändler der hochwertige HiFi-Endstufen und Lautsprecher aus Marmor vertrieb. Über sein Unternehmen sollte ich ein Firmenportrait erstellen. Zu diesem Zweck musste ich mir einen Überblick über sein Warensortiment verschaffen. Von der Musik, die aus den Marmor-Lautsprechern klang, war ich begeistert, solche Klänge, in dieser Klarheit und Ausdrucksfähigkeit hatte ich noch nie gehört. Man fühlte praktisch die Musikinstrumente schwingen und klingen. Nun ich war kein Musikexperte, aber mit dieser Anlage gefielen mir sogar klassische Werke. Über die berufliche Ebene hinaus beschäftigte ich mich mit der Angelegenheit. "Wie konnte man das vermarkten", fragte ich mich. Der Händler berichtete mir, dass er selbst in unserer Arbeiterstadt, die nicht als eine Region der Reichen galt, im Jahr im Schnitt sechs der Marmorlautsprecher verkauft. Bei der Gewinnspanne, die das Luxusprodukt versprach, konnte man davon leben, ohne weitere Fixkosten wie Laden oder Angestellte. Langsam entwickelte sich bei mir der Gedanke, dass ich solche Anlagen doch auf Mallorca verkaufen könnte. Dort leben doch jede Menge Reiche, die ihre millionenschwere Fincas mit den Marmorlautsprechern schmücken und ihre Gäste mit einem außergewöhnlichen Klangerlebnis verwöhnen könnten. Ich rechnete alles durch und kam zu dem Ergebnis, dass es klappen könnte. So stattete ich mich mit einer HiFi-Anlage, inklusive der Marmorlautsprecher, im Wert eines mittleren Kleinwagens aus, die ich zum Probehören nutzen wollte. Ich stellte mir vor potentielle Kaufinteressenten in mein Haus auf Mallorca einzuladen wo sie in Ruhe die Musik genießen könnten. In einem Musikstudio ließ ich mir mehrere Demo-CD brennen, die in unterschiedlichen Musikrichtungen die besondern Klangverteile der Lautsprecher herausstellten. Jedoch ging ich nicht völlig blauäugig an das Projekt heran. Ich legte mir ein Werbeetat fest, den ich für einen Zeitraum von einem halben Jahr kalkulierte. Wenn dies nicht funktionierte musste ein Plan B greifen, den ich allerdings noch nicht hatte. Schließlich kündigte ich meinen Job und wir, meine Frau, der Hund, unser Hausstand inklusive der HiFi-Anlage, zogen nach Mallorca um. In Sachen Revolution war ich mittlerweile Genosse geworden also Mitglied in der marxistischen - leninistischen Schülerorganisation geworden. In die Partei durften

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wir nicht eintreten, denn als Schüler waren wir Kleinbürger und damit stets in Gefahr vom wahren Klassenbewusstsein abzufallen. In der Partei waren eigentlich auch keine richtigen Arbeiter, sondern vor allem ehemalige Schüler, die in die Fabriken gegangen sind, um dort die revolutionäre Bewegung voranzutreiben. Die echten, ursprünglichen Arbeiter konnte man an einer Hand abzählen und sie waren in erste Linie in der Organisation, weil sie sonst keine anderen sozialen Kontakte hatten. Aber das interessierte uns nicht sonderlich, wir waren in unserer eigenen Welt umgezogen, die Welt der Revolution. Die Welt war schlecht, verseucht durch das Übel des Kapitalismus, dar alles und jeden korrumpierte. Dagegen setzten wir das Licht des Klassenkampfes, der am Ende alle Probleme lösen würde und in das Reich der Freiheit und Gleichheit führt - theologisch ausgedrückt in das Paradies. Organisiert waren wir in so genannten Zellen, die es für jede Lebenseinheit gab, in denen wir arbeiteten. Schulzellen, Fabrikzellen, Stadtteilzellen etc.. Aus den Zellen heraus wurde eine zentrale Ortsleitung gewählt, wobei das Wort Wahl im demokratischen Zentralismus, wie unsere Organisationsform hieß eine besondere Bedeutung hatte. Wahl heißt nicht, dass die Mitglieder einen unter sich aussuchten den sie in das höhere Gremium schickten. Viel mehr sucht dieses Gremium selbst einen so genannten Kandidaten aus, den es für politisch gefestigt - was heißt linientreu - hält. Dieser Kandidat wird dann von der entsprechenden Zelle bestätigt und ist somit gewählt. Erfolgte keine Zustimmung würde die nicht einsichtige Zelle eine entsprechende Zusatzschulung angesetzt, so lange bis es dann mit der richtigen Wahl klappte. Überhaupt war uns der demokratische Zentralismus ziemlich suspekt. Etwas mit seinen Vorstellungen von Hierarchie: danach hatte die höhere Ebene in der Organisation immer recht, die Partei als solche war unfehlbar. Anfänglich dachten wir in unserem revolutionären Eifer noch, dass dies mit dem demokratischen Zentralismus nicht schlimm werden würde - doch wir wurden eines Besseren belehrt. Aber zunächst hatten wir ein viel gravierendes Problem: unsere politische Welt mit der Welt da draußen in Übereinstimmung zu bringen. Unsere Welt war richtig, theoretisch zumindest. Die Fremdwelt passte aber nicht dazu. Die Arbeiter, das Subjekt der revolutionären Tat, schloss sich uns, auch nach jahrelanger Agitation nicht an. Viel mehr hielten sie uns im nettesten Fall für jugendliche Spinner, aber eher für komplette Vollidioten. In unserem unmittelbaren Wirkungskreis den Schulen, war die Situation etwas

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differenzierter. Die Mitschüler teilten zwar nicht unsere revolutionäre Theorien, sie schlossen sich auch nicht der Organisation an, jedoch waren wir bei ihnen relativ beliebt, weil wir uns für die Interessen der Schüler eingesetzt haben, wenn es um ein unzensiertes "Schwarzes Brett", eine unzensierte Schülerzeitung oder eine bessere Ausstattung mit Lehrmitteln ging. Wir kämpften immer in der ersten Reihen und hatten auch keine Angst vor Repression. Denn was war schon ein Verweis oder ein Arrest, im Vergleich zu den Mühen oder Strafen, welche die russischen Revolutionäre ausgehalten hatten. Das mit der Schülerzeitung war dann auch einer der Wege der mich, ohne es damals zu ahnen, auf die Bahnen meiner späteren beruflichen Aktivitäten brachte. Selbstverständlich war die Zeitung, der "Rote Alex", wie er in Anlehnung an das "Alexander von Humboldt-Gymnasien" hieß, verboten. Das schreckte uns nicht ab, ehrte uns vielmehr. Bald merkte ich, dass mir das Schreiben Spaß machte und ich erstellte fast alle Artikel für den "Roten Alex". Nicht zuletzt, weil er kostenlos war und auch brisante Themen, wie die Repression autoritärer Lehrer aufgriff, war es sehr beliebt und immer schnell vergriffen. All dies änderte aber nichts an dem grundsätzlichen Dilemma unseres auseinanderdriften der Welten. Für uns war die Welt so schrecklich so inhuman. Überall die imperialistische Ausbeutung, Kinder verhungerten, Kriege in der Dritten Welt, Konsumterror bei uns, die Menschen wurden unterdrückt und konnten sich nicht zum wahren Menschsein entfalten. Obwohl wir all dies nicht persönlich im alltäglichen Leben erfahren haben, war es kein rein theoretisches Problem. Es beschäftigte uns existenziell, wir litten mit den Unterdrückten und allen Phasen unseres Seins. Dabei war die Lösung aller Probleme so einfach: die Zerschlagung der kapitalistischen Produktionsweise und den Aufbau des Sozialismus. Warum wollten die Geknechteten in der Bundesrepublik diesen Zusammenhang einfach nicht begreifen. Dabei hatte doch der große Vorsitzende Mao Tsetung glasklar analysiert: "Die Haupttendenz der Welt ist Revolution". Nun waren wir Dialektiker genug, um zu erkennen, dass es zwar eine Haupttendenz gibt, aber eben auch eine Nebentendenz geben kann. Aber diese Nebentendenz musste schon nicht so aussehen wie in der Bundesrepublik: Die Studenten trommelten zwar zum Aufbruch aber die satte Mehrheit hielt es eher mit der Bildzeitung und fand es gut, dass eine dieser Anführer der Langhaarigen auch mal mit drastischen Mitteln, sprich mit einem

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Schuss in den Kopf, gestoppt worden ist. Dies empörte uns in allen Fasern des Körpers und führte in den Großstädten zu Gewaltexzessen. Nun war ich also umgezogen, auf Mallorca und bereitete den Einstieg vor. Da wir sehr viele Jahre regelmäßig den Urlaub verbracht hatten, waren uns die typischen Fallstricke für Neuankömmlinge vertraut. Oberstes Prinzip: traue niemals den Ratschlägen von Landsleuten, denn dies sind entweder aus mangelnden Wissen falsch oder sie sind teuer, weil sie mit Eigeninteresse der Ratgebenden verbunden sind. Lass auch die Finger von deutschen Handwerkern, denn die sind entweder inkompetent, unzuverlässig oder lassen sich ihre Deutschkenntnisse teuer bezahlen. Zur Veranschaulichung: acht Jahre nach meiner Ankunft habe ich mir mehrere Kostenvoranschläge für ein Schwimmbad erstellen lassen - alle von spanischen Firmen, die natürlich auch ernst gemeint waren, und spaßeshalber auch von einer auf der Insel ansässige deutschen Poolbau-Firma ein. Die Kostenvoranschläge lagen bei den Spaniern, je nach Poolartikel, Fieberglas oder betoniert, zwischen 16.000 und 25.000 Euro - bei der deutschen satte 85.000 Euro. Mittlerweile steht mein Schwimmbad, ohne deutsche Beteiligung. Klar war auch, dass man sich auf Mallorca auf das spanische Zeitgefühl einstellen muss. Das Lieblingswort in diesem Zusammenhang lautet "mañana" - morgen. Aber am Montag heißt morgen für einen Mallorquiner, nicht Dienstag oder Mittwoch sondern ein unbestimmter Zeitpunkt in der Zukunft. Wenn man dies weiß und sich darauf einstellen kann, funktioniert das Ganze sehr gut. Man es eben leben und lieben diese südländischen Lebensgefühl. Ich erarbeite ein Detail-Konzept für den Verkauf der Marmor-Lautsprecher. Ich wollte keinen Laden eröffnen, da ich ehe nur ein Musterpaar Lautsprecher hatte, da diese sowie individuell nach den Wünschen gefertigt werden sollten und es auch das Problem der Mobilität auf der Insel gibt. Dieses besagt, dass für Menschen die lange auf der Insel leben Entfernungen von mehr als zehn Kilometern schon nahezu eine Weltreise ist. "Da muss ich ja extra nach Palma fahren" stöhnen die umgezogenen Insulaner, als ob sie eine Tagesreise antreten sollten, wenn gleich es geographisch gesehen maximal 80 km sein können. Also, in einen Laden nach Palma fahren, nur um irgendwelche neuen Lautsprecher zu hören, das würde niemand, das war klar. Also, wollte ich zu den künftigen Klienten kommen, meine Boxen an ihre Anlagen anschließen und die Interessenten mit einem einmaligen Klanggenuss überzeugen.

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An die neuen Kunden wollte ich über Anzeigen kommen, die ich in den deutschsprachigen und englischen Wochenzeitungen sowie in einigen Life-Style-Magazinen schaltete. Daneben wollte ich natürlich auch Veranstaltungen besuchen und soziale Netzwerke nutzen. Als Journalist schaffte ich es auch den Kontakt zu einem ehemaligen Kollegen aus Deutschland aufzubauen, der mittlerweile für eine der beiden deutschen Wochenzeitungen auf der Insel arbeitet. Er schrieb einen schönen Artikel über den Philosophen der auf Mallorca, der Lautsprecher verkaufen wollte. Eine ganze Seite, mit Fotos, ist erschienen: besser konnte der Einstieg nicht laufen, theoretisch zumindest. Ich besuchte auch Feste, wie ein Europafest am Strand, wo ich meine Anlagen aufbaute und für die musikalische Unterhaltung sorgte. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen, denn jede Marmorlautsprecher-Box wiegt rund 40 Kilogramm, komplett mit allen Geräten, Kabeln, Steckdosen also rund 100 Kilo. Aber der Klang gefiel, wurde genossen bis ich auf den Preis zu sprechen kam: 4000 Euro für das paar großer Boxen, 1500 Euro für die Miniversion. Ich verteilte eifrig Visitenkarten die freudig entgegengenommen wurden, quittiert mit den Worten "Wir melden uns dann". Ich besuchte auch Feste, wie den Tanz in den Mai von dem sozialen Netzwerk "Amigos en Mallorca". Dieses sollte eigentlich dazu dienen Kontakte zu knüpfen, Ideen auszutauschen und gemeinsam Aktivitäten im Bereich Kultur, Wirtschaft oder Philosophie zu entwickeln. Die meisten Veranstaltungen dienten aber eher dazu nach dem Essen ein kollektives Besäufnis zu starten. Der Organisator des Ganzen ist ein Schauspieler und Regisseur, der sich darin gefiel durch das Netzwerk sich selbst sowie sein ökonomische Auskommen zu inszenieren. Hier etwas Wirtschaftliches bewirken zu wollen war sinnlos, denn das wollte jeder der Teilnehmer: entweder seine Yoga-Kurse füllen, sein einzigartiges Reinigungsmittel verkaufen oder die Sensation im Solarenergie-Bereich zu präsentieren. All diese Geschäftsideen kommen und verschwinden schneller als man sich die Namen der Repräsentanten merken konnte. Auch einen Geschäftsmann aus meiner Heimatstadt traf ich bei den Amigos. In Deutschland hatte er schon mehrere Konkurse hingelegt. Aber danach ging es richtig bergauf, erzählte er mir. In Bulgarien hatte er die gesamte Möbelindustrie aufgebaut und in Kuba war er verantwortlich gewesen für die Entwicklung der Milchproduktion. Auf Mallorca kam er auf die geniale Idee ein Immobilienbüro an der Playa de Palma zu eröffnen. Nach einem halben Jahr war er pleite und verschwand von der Insel, wie ich es bei vielen erlebt hatte.

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Dann kam er, der erste Anruf einer Kundin. Sie war Engländerin, mit einem Deutschen verheiratet, betrieb ein Möbelgeschäft mit Importen aus Thailand und sie war an den Marmor-Lautsprechern interessiert. Also vereinbarte ich einen Termin und machte mich mit meiner kompletten Ausrüstung auf den Weg. Die Finca war ein Neubau und vom Feinsten. Auch die Möbel, das gesamte Inventar verrieten Geschmack und Geld. Nicht protzig aber elegant. Doch dann sah ich die elektronische Anlage oder vielmehr das diese sein sollte. Ein Uraltgerät, kombinierter Verstärker mit CD-Teil, Radio und Kassettengerät. Die historischen Bananenstecker der Verbindungskabel passten natürlich in die Hightechbuchsen meiner Lautsprecher. Die Plastikteile ersetzte ich durch meine vergoldeten Metallstecker und schloss meine Lautsprecher an. Sie entlockten selbst dieser Antiquität noch erstaunliche Töne und eine beachtliche Klangqualität. Die Engländerin war begeistert, wollte aber unbedingt ihre eigene Anlage behalten und nur die Lautsprecher austauschen, weil diese auch so gut zur Einrichtung passen. Das Ganze kommt den Versuch gleich durch den Austausch von Hightech-Reifen aus einem Kleinstwagen ein Formel-I-Auto zu tunen. Aber der Kunde hat immer Recht. Jetzt müsse sie nur noch ihren Mann überzeugen, der aber gerade auf eine Einkaufstour im Fernosten weilte. Ob ich in zwei Wochen noch einmal kommen könne, fragte sie. Selbstverständlich konnte ich. Diesmal erfolgte die Präsentation in der riesigen Verkaufshalle, mit der mir schon bekannten Uraltanlage. Keine getrennten Vorstufen, nichts dergleichen. Trotzdem gelang es ein beachtliches Klangerlebnis in die Halle zu zaubern. Beide waren beeindruckt und zeigten sich mit dem Preis-Leistungsverhältnis einverstanden. Sie wollten sich nur noch überlegen, welche Art des Marmors sie haben wollen. Dies konnte man sich wegen der Handanfertigung selbstverständlich aussuchen. Das war aber auch das letzte was ich von meinen ersten potentiellen Kunden gehört habe. Es wurde immer klarer, das mit dem Boxenverkauf wird wohl nichts. Ich versuchte noch in die entsprechenden Kreise zahlungskräftige Residenten über Golfclubs oder Geschäfte im Luxusort Puerto de Andratx vorzudringen - vergeblich. Also stand wohl ein Umzug in eine andere ökonomische Welt vor der Tür. Die revolutionäre Praxis wurde zunehmen frustrierter. Die werktätigen Massen weigerten sich einfach das richtige politische Bewusstsein anzunehmen. Unsere

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konkreten Aktionen, die sich gegen bestimmte Missstände richteten, wie etwa die Erhöhung der Busfahrpreise, fanden durch uns Anklang in der Bevölkerung. Jedoch mit der Revolution, mit der Stärkung der Partei wollte kaum einer etwas zu tun haben. Da geschah das, was typisch für sektiererische Ideologien ist. Wir sahen überall die Feinde, die unsere Arbeit sabotierten. Die schlimmsten davon waren die Feinde von innen, also Genossen, die ihre "kleinbürgerliche Schwäche" nicht ablegten. Meist waren es Genossinnen, die lieber in die Diskothek gingen, als an der politischen Arbeit teilzunehmen. Sie kamen auch nicht mehr zum "Roten-Fahne-Verkauf", was auch für eingefleischte Genossen, wie mich, unerfreulich war und mit zunehmenden Widerwillen erledigt wurde. Kein Wunder: bei rund 60.000 Arbeitern verkauften wir vielleicht 40 unserer Zeitungen im offenen Verkauf, davon gut die Hälfte an Genossen. Die Anzahl der Schulungen gegen den Liberalismus wuchs und die ersten Ausschlussverfahren standen auf der Tagesordnung. Das erste Mal in meinem Leben erschrak ich darüber was Ideologie mit Menschen machen konnte, was sie selbst mit mir machte. Ideologie konsequent angewandt, ist kalt, unmenschlich und grausam. Dies ist kein Zufall, viel mehr entspricht es dem Wesen einer jeden extremen Ideologie. Dieses besteht darin, dass die Ideologie eine Wahrheit hat, die sich durch einen exklusiven Zugang erschließt. Dies kann das Buch der Bücher, ein Propheten, die Linie der Partei, der Guru, die Vorsehung der Geschichte etc.. Die Legitimatoren der Wahrheit sind unterschiedlich, aber eines ist ihnen gemein: sie haben immer recht. Diejenigen, die den Zugang zu dieser Wahrheit gefunden haben, sind davon durchdrungen die Wahrheit zu verbreiten, d h. andere von dieser Wahrheit zu überzeugen. Dieser Zweck heiligt alle Mittel, man darf lügen, täuschen und betrügen, denn schließlich dient dies dem heiligen Ziel der Wahrheit. Wir stürzten Menschen mit denen wir Jahre eng zusammen gearbeitet hatten, die unsere Freunde, Genossen gewesen waren in tiefe Existenzkrisen, in dem wir mit dem Ausschluss aus der Organisation drohten oder ihn auch vollzogen. Es gibt kaum etwas Schlimmeres für einen gläubigen Ideologen, als aus seiner Welt, seiner Ideologie, seiner Organisation ausgeschlossen zu werden. Denn all die Faktoren waren es für die er gelebt hatte, sie waren seine unsere Welt. Daraus verbannt zu werden kommt einem Weltuntergang gleich. Dieses perfide Denken haben die so genannten "Moskauer Prozesse" zur Perfektion entwickelt. In ihnen haben Genossen

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Taten gestanden, die sie nachweislich nie begangen haben können, nur noch im System bleiben zu können. Sie wurden dann zwar als Konterrevolutionäre zum Tod verurteilt. Aber immerhin waren sie noch in der Ideologie und haben diese nicht verraten. Lieber tot als außen vor. Diese Methode ist fast so perfide wie die christliche Inquisition im Mittelalter. Hat man unter der Folter die Zusammenarbeit mit dem Teufel gestanden, war man schuldig. Hat man nicht gestanden, konnte man die Qualen aushalten, weil man im Pakt mit dem Teufel ist, also schuldig. Dieses im wahrsten Sinne teuflische Prinzip zu durchschauen, bedurfte es allerdings einiger Zeit. Zunächst war es die Vielzahl der Feinde, oder besser ausgedrückt was wir als Feinde ansahen, die uns in der Ideologie zusammenhielt. Zu den Feinden zählten eigentlich alle, außer uns selber: der Klassenfeind, die politischen Parteien, die vom Kapital gekauft waren, die Massenmedien und und. Für besonders hinterhältig hielten wir aber die anderen linken Splitterparteien, die es zahlreich gab. So wie sich die Scholastiker des Mittelalters darüber stritten wie viele Engel auf einer Nadelspitze passen, diskutierten wir nächtelang mit anderen Sektierern, wie die Analyse des großen Vorsitzenden auszulegen ist. Der Vorteil dabei: wir waren zumindest fast in der gleichen Welt. Auf Idee unsere Ideologie sei einfach der Realität nicht angemessen kamen wir nicht. Vielmehr stimmte etwas mit der Welt nicht, denn die Ideologie war korrekt. Das Ganze geriet erst ins Wanken als die Partei, als die "proletarische" Organisation beschloss, dass wir uns als "Schülerorganisation" selbst auflösen sollten, weil wir unser Kleinbürgertum nicht überwinden konnten und letztlich an den mangelnden Erfolgen Schuld sein - wir waren also der neue Feind. Dieses Projekt der Selbstauflösung konnten wir einfach nicht begreifen, was uns die Dialektiker der Partei damit begründeten, dass dieses Nichtbegreifen eben ein Ausdruck unseres kleinbürgerlichen Bewusstseins sei. Auf der Suche nach der theoretischen Begründung unserer Weiterexistenz als Organisation lasen wir eifrig die Klassiker, wie Marx und vor allem Lenin, der sich am meisten mit Organisationsfragen beschäftigt hatte. Nun das Auffinden eines geeignet auslegbaren Zitats könnte das Fortbestehen unserer Organisation und damit unserer Welt sichern. Da geschah das unvorstellbare: ich fand eine Stelle bei Lenin, die sinngemäß lautete: "wenn ihr ein konkretes Problem lösen wollt, dann glaubt nicht nur das was in Büchern steht. Lest was andere Menschen über diese Situation geschrieben haben, analysiert die jeweilige Lage gründlich und zieht dann eure

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Schlüsse, denn nur ihr seid verantwortlich für euer Tun". Das war revolutionär. Aus diesem Zitat fertigte ich eine Wandzeitung und hing diese in unserem Versammlungsraum auf. Die Reatkion kam prompt. Schnell war der Aushang verschwunden. Und ich erhielt eine Einladung zum Gespräch mit der Ortsleitung, dem höchsten lokalem Gremium der Partei. Mir wurde vorgeworfen extrem konterrevolutionär zu handeln. Selbstständig denken zu wollen sei eben der Ausdruck unserer kleinbürgerreichen Existenz und wir wurden das mit der Parteidisziplin nie begreifen. Ich sollte meine Thesen noch einmal schriftlich zusammenfassen, denn dieser Vorgang könne die Ortsleitung nicht auf sich beruhen lassen, sie müsse es dem Zentralkomitee melden. Schon bald meldeten sich bei mir drei Genossen der zentralen Kontrollkommission. Was ich zur dieser Zeit noch nicht wusste: es rollte in der Organisation bereits eine große Ausschlusswelle. Diese drei Studenten, die als Art Großinquisitoren durch die gesamte Republik reisten, leiteten Ausschlussverfahren im Fließbandverfahren ein. Meine Thesen seien eindeutig Konterrevolutionär, dies müsse ich doch einsehen und ich sollte sie widerrufen, das war ihr Urteil. Das ganze ging sehr schnell, rund fünf Minuten pro Genossen. Das Treffen war natürlich konspirativ, d. h. wir trafen uns erst bei einem Genossen und wurden dann in eine dunkle Wohnung weitergeleitet. Dies ging allen "Konterrevolutionären" aus unserer Stadt - es waren rund zehn, fast die Hälfte der organisierten Genossen vor Ort. Bis dahin wusste wir auch nichts von einander, auch nicht, dass wir ähnliche Verbrechen begannen hatten. Das "Verfahren" gestaltete so surreal, wie man sich dies nur in schlechten Filmen vorstellen kann: Von einer inhaltlichen Diskussion war nicht die Rede - widerrufe oder du fliegst raus. Mann kann von Glück reden, dass die Kontrollkommission keine Macht hatte. Da ich natürlich nicht widerrief, wurde ich, wie auch alle anderen Kritiker, ausgeschlossen. Ein neuer Zug setzte sich in Bewegung und gleich in zwei Richtungen. Zum anderen hatte ich mein Abitur gemacht und das Studium stand an. Über dieses hatte ich mir bisher kaum Gedanken gemacht. Eigentlich fühlte ich mich als Revolutionär. In die Schule ging ich in Prinzip nur, um eine Fläche für die Agitation zu haben. Ähnliches hatte ich mir für das Studium vorgestellt. Vor zwei Jahren hatte ich bereits das Gymnasium verlassen wollen, um in eine Fabrik zu gehen, um die wahre revolutionäre Realität zu erleben. Glücklicherweise hatte mich

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meine Mutter, mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit und Geschick, davon abgehalten diesen Schritt zu gehen. Jetzt also rollten zwei neue Züge von mir los. Das Studium betreffend hatte ich das Pech einen guten Notendurchschnitt im Abitur erlangt zu haben. Mit solchen Noten studierte "man" Medizin meinten alle Bekannten wohlwollend. Viel lieber hätte ich aber Politik und Philosophie studiert, das interessierte mich brennend. Da ich aber zumeist allen gefallen wollte, ließ ich mich auf die Medizin ein, allerdings nicht auf die Allgemeinmedizin, die an Leichen herumschnippeln, irgendwelche eitrigen Finger behandeln oder gar den Brustkorb aufschneiden zu müssen, das war nicht mein Ding, das konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich schrieb mich für Zahnmedizin ein: etwas an Zähnen herumbohren, Löcher ausbessern, dabei gutes Geld zu verdienen und sich in erster Linie um die Verbesserung der Welt, das konnte ich mir gut vorstellen. Doch weit gefehlt: schon in der ersten Woche des Semesters ging es mit einem praktischen Grundkurs los. Wir sollten dabei ein kleines Döschen erstellen, also aus Blech biegen und zusammenlöten. Dieser Körper wurde dann auf einen Zapfen gesteckt und mit einem leichten "Plop" wieder gelöst. Soweit die Theorie. In der Praxis klappte es bei mir nie. Ich werkelte stundenlang an dieser verdammten Dose herum und sie war nie passend. Zugegeben, mein handwerkliches Talent war nicht sehr ausgeprägt und diese Feinmotorik war einfach nichts für meine Wurstfinger. Also schmiss ich das Zahnmedizinstudium nach sechs Wochen hin. Was tun? Meine Mutter war mit Leib und Seele begeisterte Lehrerin. Während der Grundschulzeit war ich auch ab und zu bei ihr in der Klasse und irgendwie war das nicht schlecht. Den Kindern etwas beibringen, eine gute Sache. Wenn man ihnen dabei auch noch ein kritisches Bewusstsein, Stichwort demokratischer Erziehungsstil, vermitteln konnte, umso besser. Also strebte ich den Beruf des Lehrers an, verbunden mit einer ökonomischen Absicherung, im Gegensatz zu den brotlosen Studiengängen, wie etwa Philosophie oder Politikwissenschaft. Das Studium machte auch Spaß und ich absolvierte es ohne Probleme in sechs Semestern. Auch die Praktiken erwiesen sich als einfach. Was ich allerdings nicht berücksichtigte: die Praktikumsklassen waren ausgewählt und darauf getrimmt den Junglehrern keine Schwierigkeiten zu bereiten. Politisch ging es auch locker weiter. Den Schock des Ausschlussverfahrens hatten wir in der Gruppe gut verarbeitet. Wir waren uns einig: so schnell treten wir keiner zentralistischen Organisation mehr bei. Vielmehr wollten wir uns verstärkt mit der

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Gesellschaftstheorie beschäftigen und gründeten einen frei schwebenden linken Zirkel, der z. B. Schulungen zu Marx "Kapital" organisierte. Praktisch beteiligten wir uns an Aktionsbündnissen. Den Versuchen anderer leninistischen Organisationen uns zu vereinnahmen, traten wir entschlossen entgegen. Somit war das politische Leben während des Studiums entspannt, ebenso wie die Ausbildung selbst. Auf Mallorca war klar, das mit den Lautsprecherboxen wird wohl nichts. Der Werbeetat war ziemlich aufgebraucht. Ich startete meinen letzten Versuch. Erstmals fand auf der Insel ein großes Festival mit klassischer Musik statt. Durch die Schaltung von Anzeigen im Veranstaltungsmagazin erkaufte ich mir das Recht im Foyer der Veranstaltungsorte mein Lautsprecher präsentieren zu können. Das Ergebnis war niederschmetternd. Kaum ein Besucher nahm meine Musikdarbietung wahr und noch weniger interessierten sich ernsthaft für meine Anlagen. Resultat: kein einziger Termin kam nach dieser Demonstration zustande. Also war es Zeit einen neuen Weg zu beschreiten. Im Internet las ich eine Stellenanzeige: Tourbegleiter und Promoter für Exkursionen gesucht. Voraussetzung: Kontaktfreudig und redegewandt. Nun das war ich doch. Also traf ich mich mit dem zuständigen Kollegen für die Ostküste. Typ smart, Lieblingschwiegersohn, redegewandt, Topverkäufer und es mit der Wahrheit nicht ganz ernst nehmend. Er führte mich in die Kunst des Exkursionen-Verkaufen ein. Auf den Begrüßungstreffen, das die Reiseveranstalter für ihre Gäste veranstalten treten die so genannten Sprecher auf, d. h. Verkäufer, die ihre Tour vorstellen. Ich lernte, dass es sehr wichtig ist, in diesem Vortrag ein paar Witze einzubauen, nicht zu viele, denn dann wirkt man als Clown und unseriös, aber auch nicht zu wenige, denn dann wirkt man zu steif und trocken. Der erste Witz muss möglichst am Anfang kommen denn der bricht das Eis und öffnet über die Ohren den Weg zum Erfolg. Die Rede sollte dynamisch, aber nicht zu schnell sein, in einem bildhaften, adjektivreichen Sprache unterstützt von Gesten. Die Präsentation sollte nicht länger als fünf Minuten dauern. "Ganz wichtig", so mein Coach, "die Reiseleiter/innen sein die Könige im Ring. Sie haben das sagen und wenn sie etwas völlig Falsches sagen, wir korrigieren sie niemals." Kleine Nettigkeiten, wie das gelegentliche Tragen einer Tasche oder auch kleine Komplimente. Meinen Lehrer begeleitete ich auf mehreren Cocktails und

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auch auf den Touren. Dabei fuhr der Tourguide selbst eine Großraumlimousine mit maximal sechs Gästen. Wir fahren auf abgelegenen Straßen, durch kleine Ortschaften, gingen in urige Dorfkneipen, die von keinem Reisebus zu erreichen gewesen wäre. In der überschaubaren Gruppe kam man schnell in Kontakt mit den Gästen, wir plauderten locker über die Geschichte der Balearen, das Leben auf der Insel, die Flora und Fauna etc.. Das Ganze lag mir, es machte Spaß und man verdiente Geld. Nach drei Wochen Einarbeitung, der Lektüre einiger Mallorca-Bücher absolvierte ich meinen ersten Begrüßungstreff. Etwas nervös präsentierte ich unseren Ausflug und buchte auch gleich Gäste ein. Die Tour zu fahren war ebenfalls mein Ding. Ich konnte Menschen etwas erzählen, die diversen Stationen waren interessant und gaben einen guten Einblick in das Alltagsleben Mallorcas. Die Stimmung in der kleinen Gruppe war meist gut, das Trinkgeld ebenfalls. Ich glaubte ein Job für länger gefunden zu haben, bis ein kleines Problem auftrat. Der Organisator der Tour, ein Deutscher, vertrat die juristische Auffassung, dass er keinen Ausflug im klassischen Sinn anbot, sondern vielmehr Leihwagen vermietet, inklusive Fahrer. Die zuständige Regierungsbehörde Mallorcas war einer anderen Meinung: selbst wenn es keine Exkursion wäre, so sei die Fahrt eine Art Taxiunternehmen, wofür wir allerdings auch keine Lizenz hatten. Es hagelte deshalb Bußgelder, die aber unser Chef nicht bezahlte, weil er wollte, dass ihn die Inselregierung vor einem spanischen Gericht verklagt, um die unterschiedlichen Rechtsauffassungen zu klären. Dies tat sie aber nicht. Vielmehr schickte sie uns ein Inspekteur auf den Hals. Dieser legte unsere Großraumlimousine still, um sie technisch zu überprüfen. Eine solche Kontrolle konnte durchaus drei bis vier Stunden dauern. Beim ersten Mal nahm ich es gelassen und lud die Gäste, auf Kosten des Chefs, zum Essen ein. Von mal zu mal wurde es mir peinlicher immer neue Gründe zu erfinden um zu erklären, warum es nicht weiter ging. Teilweise mussten wir unsere Gäste auch mit Taxis zu den Hotel bringen lassen So konnte es nicht weiter gehen. Ich diskutierte mit meinem Coach über Lösungsmöglichkeiten. Der Chef aber blieb stur und ich suchte einen neuen Job. Über einen Bekannten kam ich mit dem U-Boot "Nemo" in Kontakt. Dabei handelte sich um ein Mini-U-Boot, das mit 46 Gästen an Bord Tauchfahrten vor der Küste Mallorcas unternahm. In die Tat war dies ein einmaliger Ausflug. Mit einem Transferboot fuhr man auf da Meer hinaus. Wie aus den Nichts tauchte die schneeweiße Nemo auf und strahlte in der Sonne. Man

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stieg auf das U-Boot um und die Tauchfahrt in rund 30 Meter begann. Die Gäste saßen hinter großen, runden Bullaugen und sahen die Flora und Fauna des Mittelmeers. Dann schwammen Taucher an das Boot heran und fütterten Fische an - ein besonderes Erlebnis. Diesen Ausflug zu verkaufen war so leicht, wie frische Brötchen an Hungrige zu verticken. In erster Linie waren es technikbegeisterte Männer und Jungs die unbedingt einmal mit den U-Boot fahren wollten. Wir waren einzigartig im Mittelmeerraum. Schwester-U-Boote gab es erst wieder im Roten Meer und auf den Kanaren. Obwohl wir mit Abstand der teuerste Ausflug waren hatten wir in der Hochsaison mehr Nachfragen als freie Plätze. Meine Aufgabe bestand darin die Exkursion in den Begrüßungstreffen vorzustellen und die Buchungen entgegen zu nehmen. Im August führten wir bis zu zehn Tauchgänge am Tag durch. Ein weiterer großer Vorteil: wir arbeiteten mit allen Reiseveranstaltern zusammen. Es war wie die Lizenz zum Gelddrucken. 50 bis 60 Buchungen am Tag war keine Seltenheit, bei einer Arbeitszeit von vier bis fünf Stunden. Doch dieser Boom weckte auch Begehrlichkeiten. Als erstes waren es die Taucher, die mehr Geld wollten. Es waren keine Wald- und Wiesentaucher, sonder Spezialisten, die eine Ausbildung bei der Armee absolviert hatten. Da sie tiefer als zehn Meter tauchten, benötigten sie eine besondere Ausbildung. Zudem durften sie täglich nur vier Stunden unter Wasser sein. So mussten relativ viele Taucher eingesetzt werden. Nach einigen Betriebsversammlungen konnten jedoch diese Probleme gelöst werden. Nun war es der Chef, ebenfalls ein Deutscher, der noch mehr verdienen wollte. Pro Saison hatten wir deutlich über 30.000 Gäste im U-Boot. Er setzte aber für die nächste Saison das Ziel von 40.000 Kunden. Mit 38.000 zahlenden Gästen verfehlten wir es knapp. Nicht weiter schlimm dachte ich, insgesamt war der Sommer doch sehr gut gelaufen, was die Buchungen angeht. Wie üblich meldete ich mich im März telefonisch in der Geschäftsstelle, um die Planungen für die kommende Saison zu koordinieren. "Ach du weißt noch gar nicht, dass es uns nicht mehr gibt", begrüßte mich unser britischer Geschäftsführer am Telefon. "Ich bin der einzige der noch hier ist und die Restgeschäfte abwickelt. Die Nemo hat der Chef nach Gibraltar verkauft. Sorry, du musst dir etwas Neues suchen" In der Sprecherszene war ich mittlerweile als ganz guter Verkäufer bekannt. Die Beleitung der Touren machte zudem viel Spaß. Zwar erzählte ich im Prinzip bei jeder Fahrt dasselbe, aber es waren immer neue Gäste, die andere Fragen stellten. Jeden

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Tag gab es zudem Herausforderung in der Organisation des Tagesablaufs. So kam ich in Kontakt mit einem Sprecher der P.-Tour, ein Busexkursion einmal quer über die Insel, von der Ost- zur Westküste. Ich begleitete die Tour mehrmals und war daneben für P.-Reisen in Cala Ratjada zuständig. Wie viele Junglehrer traf mich auch der Praxisschock in der Schule. Wieder hatte ich einen guten Notendurchschnitt bei der ersten Lehramtsprüfung. Dies bedeutete, das ich gleich eine Klasse zugeteilt und zwar eine siebte Klasse an der Hauptschule. Ich hatte keine Ahnung was dies bedeutet. Alle Schülerinnen und Schüler, die es bisher nicht geschafft hatten auf das Gymnasium oder die Realschule zu wechseln, wurden aus allen städtischen Schulsprengeln zusammengefasst und bildetn die neue Klasse. Von einer echten Motivation für schulische Leistungen konnte man nicht ausgehen. Was aber für pubertierende Mädchen und Jungs wirklich wichtig war, davon hatte ich nicht die geringste Vorstellung. Vielmehr ging es mir um das große ideal des demokratischen Erziehungsstils. Weg vom Frontalunterricht hin zur Gruppenarbeit, weg von den lebensfremden, theoretischen Lehrinhalten hin zum Projektunterricht. Die Schüler sollten ihre eigenen Interessen erkennen und sie auch durchsetzen. Schließlich hatte ich das künftige Proletariat vor mir und dies sollte seine wirklichen Interessen erkennen. Mein erstes großes Desaster erlebte ich beim Versuch den Projektunterricht zu realisieren. Es ging darum zu lernen, wie man richtig diskutiert. Das Ganze nicht abstrakt, sondern ein einem konkreten Projekt mit einem realen Ergebnis. Demokratisch sollte diskutiert und entschieden werden wie künftig die Tische im Klassenzimmer stehen sollten: die demokratische U-Form oder eine Sitzformation in der Gruppenformation. Für die Einheit hatte ich drei Tage angesetzt in Kombination von Deutsch-, Geschichts- und Sozialkundeunterricht. Dies Stand zwar in keinem Lehrplan, enthielt aber für mich eine hohe sozialpolitische Relevanz. Wie an der Uni gelernt unterschützte ich den Unterricht mit allerhand Medien: Filme, Overhead-Projektor, Fernsehdokumentation und Diashows. An der Schule entwickelte ich mich zu dem Lehrer, der in einem halben Jahr, die meisten Medien in der Mediathek ausgeliehen hatte. Das Projekt dagegen war eine reine Katastrophe: alle Schüler redeten wild durcheinander, von demokratischer Diskussionskultur keine Spur und von einer Entscheidung über die künftige Anordnung der Tische im

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Klassenzimmer konnte nicht die Rede sein. Am Ende entschied ich mich für die U- Form und mit drei anderen Schülern, welche die Methoden des Neuen ganz spannend fanden, stellte ich die Tische persönlich um. So sollte das mit der Basisdemokratie nicht laufen. Diese drei Schüler waren aber letztlich die Basis auf die ich bauen könnte, aber bei 32 zu wenig. Also ging ich zu gemäßigten Frontalunterricht über, den ich mit großem Medieneinsatz interessant gestalten wollte. Ja und da war noch das Problem mit den Noten. In den ersten drei Monaten des Schuljahres hatte ich keinen einzigen Test schreiben lassen, das Notenbuch war also vollkommen leer. Dies entsetzte den Schulrat bei seiner ersten Visite ebenso wie die Situation in der Klasse. Das Thema des Unterrichts interessierte niemanden trotz gewaltigen Medieneinsatzes, die Schüler schwätzten, es war laut und ich hatte keine Autorität. Natürlich wusste ich das. Ich wollte auch keine erzwungene Autorität, sondern eine durch die Sache, das Wissen, begründete. Eine romantische Illusion wie ich leidsam lernen musste. Bei den schlimmsten Störern sollte ich mir mit Verweisen Respekt verschaffen und endlich Schulaufgaben schreiben, um an Noten zu kommen, riet mir der erfahrene Schulrat, der es durchaus wohlwollend mit mir meinte. In der Tat es klappte. Die Mädchen, die immer das große Wort führten, den Unterricht nach Herzenslust störten wurden sehr kleinlaut, wenn ich mit einem Verweis drohte. Als er dann doch bei der Chefstörerin passierte und ich ihr ein Verweis erteilte kam sie nach dem Unterricht zu mir und bettelte, unter Tränen, doch den Verweis zurückzunehmen. Ihr Vater würde sei mit dem Gürtel grün und blau schlagen und sie würde auch im Unterricht nie mehr stören. Natürlich ließ ich mich. als Gutmensch, erweichen und nahm den Verweis zurück. Gut eine Woche klappte es, dann ergriff ich doch diese Strafmaßnahme und es klappte besser. Aber eigentlich wollte ich kein Dompteur sein, sondern überzeugen. Schlimmer war es noch mit den Noten. Mir wurde klar das pubertierende Mädchen die Gesellschaftsstruktur im alten Ägypten nicht die Spur interessiert. Also schrieb ich einem Tag vor dem Test die Fragen inklusive der Antworten an die Tafel, mit dem Hinweis, dass wir morgen darüber einen Test schreiben werden. Die Folge zehn blütenweiß abgegebene Zettel und somit zehn glatte Sechsen. Ich verdoppelte meine Anstrengungen, bereitete mich bis Nachts um ein Uhr auf den Unterricht vor, um neue Ideen zu entwickeln die Unterrichtsgegenstände interessanter zu machen. Ich baute Metallmodelle von Wirbelsäulen, erklärte die Nierenfunktion durch farbige

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Symbole und zeichnete Dokumentarfilme im Fernsehen auf. Das Ganze war ziemlich fruchtlos. Meine Stimmung verschlechterte in dem Maß, wie sich der Lernwille meiner Schüler verringerte. An Hilfe von den Kollegen war nicht zu denken. Die sahen in mir eher einen unverbesserlichen Idealisten, der noch meinte, den Schülern etwas beibringen zu wollen. Viele älteren Kollegen hatten resigniert und zogen seit Jahren ihren Stoff in gewohnter Weise durch, gleich was davon hängen bleibt. Jedoch wurden sie von den Schülern respektiert teilweise sogar gefürchtet oder gehasst. Sie hatten fest das Pensionsalter vor Augen und dann sollte das eigentliche Leben beginnen. So hatte ich mir das Berufsleben nicht vorgestellt. Der Frust wuchs. Der Schulrat bestellte mich zu einem Gespräch ein. So könne es mit dieser Klasse nicht weiter gehen und ich hatte sie nicht im Griff. Er wisse, dass es mit dieser Altersklasse, in dieser Schule besonders schwierig sei. Wenn ich wollte könne er mich in ein ruhigeres Dorf in die Rhön versetzen, wo die Schüler leichter zu unterrichten seien, da dort noch ein ursprüngliche, familiäre Disziplin existiert. Doch in die tiefste Rhön wollte ich nicht und in dieses Schulsystem eigentlich auch nicht. Entweder musste ich mich radikal ändern und anpassen oder das Schulsystem müsste sich wandeln. Da ich ersteres nicht wollte und zweiteres nicht in Sicht war, entschied ich mich auf der Weihnachtsfeier des Kollegiums aus dem Schuldienst auszuscheiden. Das war wohl das Schlimmste, was ich meiner Mutter zugemutet habe. Wie kann man nur freiwillig aus dem sicheren Beamtenverhältnis herausgehen, gab sie zu bedenken. Es bedurfte eingehender Diskussion um meine Entscheidung zu begründen. Aber für mich gab es kein Leben nach dem Leben. Ich wollte keinen Job der zwar sicher war und mit dem man sicher Geld verdienen konnte, der aber nur stresste und keine Bestätigung einbrachte. Die Arbeit sollte mir irgendwie Freude bereiten, sie sollte sinnvoll sein und ich wollte gerne meinen täglichen beruflichen Verpflichtungen nachgehen. Ein Motto das ich weitgehend lebenslang durchziehen konnte, ein großes Glück, wie ich empfinde, das aber voraussetzt seine innere Freiheit, mit dem Mut zum Risiko und einer großen Flexibilität zu verbinden. Ich wollte erst einmal Zeit zum Nachdenken haben. Ich besuchte einige Genossen in verschiedenen Großstädten. Die meisten von ihnen studierten noch oder besser sie taten das, was sie Studium nannten. Dies bedeutet die politische Arbeit stand im Mittelpunkt, wobei kaum einer noch in einer stalinistischen Kaderpartei Organisation waren. Das Spektrum reichte von

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anarchistischen Zirkeln bis hin zu linken freischwebenden Arbeitsgruppen. Daneben wurde auch etwas studiert, aber ohne genau zu wissen, was damit später beruflich unternommen werden kann. Alles also etwas chaotisch in der linken Großstadtszene. Wieder zu Hause gab ich zunächst Nachhilfeunterricht in allen Bereichen der Grund- und Hauptschule. Erstaunlicherweise war ich hier ziemlich erfolgreich. Meine Schüler mochten mich und sie lernten von mir auf jeden Fall, wie man lernt. Die schulischen Leistungen meiner Nachhilfeschüler verbesserten sich rasch. Dies sprach sich herum und binnen zwei Monaten hatte ich rund 20 Kunden. Also eine vollkommene pädagogische Niete war ich doch nicht. Wenn gleich die Situation nicht vergleichbar ist. Die Schule ist kostenlos und der Nachhilfeunterricht kostet etwas, eine Motivation welche die Eltern an ihre Sprösslinge weitergeben, was allerdings kein Plädoyer für Privatschulen sein soll. Nun wollte ich endlich das studieren was mich eigentlich interessiert, ohne mit Blick auf den späteren Beruf, die brotlosen Disziplinen gleich auszuschließen. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass man Geld immer irgendwie verdienen kann und das Leben vom Zufall und nicht den eigenen Planungen geprägt ist. Also studierte ich Geschichte im Hauptfach, mit Philosophie und politischer Wissenschaft als Nebenfächern. Die Geschichte erwies sich als ziemlich trockenes Metier, zumindest in den ersten Semestern, in denen es galt die Handwerkszeuge der Historiker zu erlernen. So mussten wir altmittelalterliche Jahreszahlen mit Hilfe irgendwelcher Tabellen ermitteln. Was aber interessierte mich welcher historische Tag der fünfte Sonntag nach Maria Himmelfahrt war oder welche Gewichte in der Hanse verwendet wurden. Aber schließlich bestand ich das Grundstudium der Historiker. Demgegenüber glänzte ich bereits in den Anfangssemestern bei den politischen Wissenschaften. Mein erster großer Auftritt war in einem Proseminar über die politische Wirkung der 68er. Vor über hundert Studenten hielt ich das Referat über die "Bedeutung der Bewegung 2. Juni für die revolutionäre Linke". Mein Professor war begeistert. Kein Wunder, denn mit Sicherheit hatte ich mehr Text aus diesen Bewegungen gelesen als er und konnte mehr ideologische Feinheiten. Er bedrängte mich doch die "Politischen Wissenschaften" zu meinem Hauptfach zu küren, was ich auch tat. Mit diesem Professor, der zugegeben im Fachbereich und auch in der gesamten Literatur der Politologie als Sonderling galt, stellte sich im Laufe der Zeit eine enge Beziehung heraus. Ich war sein Lieblingsstudent und belegte in jedem

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Semester alle seine Veranstaltung, was aber nur drei Waren: das Proseminar, das Hauptseminar und das Oberseminar. Der Professor weigerte sich strikt Vorlesungen zu halten, denn das war er zu sagen hatte, stand ohne hin in seinen Büchern, meinte er. Allerdings las diese kaum jemand. Die Proseminare waren gut besucht, denn viele Lehramtsstudenten brauchten den Schein, das Scheinstudium eben. Im Hauptseminar waren wir rund 15 und im Oberseminar zu dritt oder viert: der Professor und zwei, drei Studenten. Nicht so erfolgreich verlief mein Einstieg in das Philosophiestudium. Das Proseminar war brechend voll rund hundert Teilnehmer, die meisten wieder Lehramtsstudentinnen, des Scheins wegen. Irgendwie schienen diese Studentinnen Philosophie mit Strickunterreicht verwechselt zu haben, denn alle schwangen unermüdlich die Nadeln. Dies verwunderte mich ebenso wie den Professor, ein kleiner, etwas dicklicher Mann, der immerzu etwas vom Wesen der Sachen, vom Wesen des Baumes, der Idee, der Vorstellung etc. redete. Scheinbar ohne Punkt und Komma, ohne für mich erkennbare Zusammenhänge. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, in knapp zehn Jahren würde ich mich selbst als Philosophen bezeichnen, den hätte ich für verrückt gehalten. Außer gewissen physionomischen Gemeinsamkeiten, hatte ich nichts gemein mit diesem Philosophen, immer dieser Zweifel. Ich hingegen glaubte zu wissen wie und wo es lang ging. Politisch war ich ein undogmatischer Linker und arbeitete in verschiedenen Gruppen mit. Und plötzlich erschien das etwas völlig Neues in unserem Weltbild, der Umweltschutz. Konkret ausgelöst wurde dies von einem Atomkraftwerk das bei uns, in 20 Kilometer Entfernung, gebaut werden sollte. Dabei beginnt der Streit schon im Kampf um die Begriffe: Befürworter sprechen von Kernkraftwerken, Gegner von Atomkraftwerken, denn Kern klingt harmloser als Atom und dieses erinnert auch so an die Atombombe. Auf den ersten Blick hatten wir kein Problem mit dieser Technologie, denn wir waren ja nicht gegen den technologischen Fortschritt, sondern nur gegen die Produktionsverhältnisse in dessen Rahmen es genutzt wurde. Erstaunlich war aber, dass aus allen gesellschaftlichen Gruppen, von CSU-Stadträten, über Kirchen, unseren ehemaligen Lehrern und selbst von vollkommen Unpolitischen, massive Kritik an diesem geplanten Atomkraftwerk oder vielmehr auch nur gegen den Standort geäußert wurde. Wir beschäftigten uns also inhaltlich mit der Problematik. In der Tat waren sich alle Experten einig, dass ein gewisses Restrisiko - die unkontrollierte Kernschmelze - katastrophal sein würden. Die Befürworter

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meinten lediglich, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit des Restrisikos so gering sei, dass man es praktisch ausschließen könne, theoretisch natürlich nicht. Und dies ist der wahre Knackpunkt der ganzen Atomkraftdebatte, abgesehen von der Endlagerproblematik. Was uns aber besonders begeisterte: plötzlich erhob sich ein breiter Bürgerprotest gegen das System. Die sonst immer alles Abnickenden gingen zur Demo auf die Straße: 10.000 Bürger auf einmal. Um diese Zahl zu erreichen, müssten wir schon zehn Demos organisieren. Also gab es keinen Zweifel sich der Protestbewegung anzuschließen. Wir traten der Bürgerinitiative bei. Klar waren wir der radikalere Teil innerhalb der Initiative. Ein AKW verhindert man am besten durch Platzbesetzungen, das hatte Wyhl bewiesen, das war unsere Position. Der juristische Widerstand, mit Klagen vor den bürgerlichen Gerichten war für uns ein Irrweg. Wir stritten uns zwar über den richtigen Weg des Widerstandes handelten aber gemeinsam. Insofern hatten wir unseren Sektierertum abgelegt und gelernt, dass Kompromisse zur politischen Arbeit gehören. So nutzten wir alle Möglichkeiten, Demonstrationen, Unterschriftsammlungen, den Klageweg, Einspruch, nur zur Platzbesetzung war die bürgerliche Mehrheit nicht bereit. Was wir daneben kritisierten war, dass sie sich nur auf den Standort beschränkte und sich nicht als Teil einer bundesweiten Anti-Atomkraft-Bewegung verstand. So organisierten wir selbstverständlich Busse zu den großen Demonstrationen in Brokdorf, Gorleben, Wackersdorf u.a.. Dabei erfuhren wir auch, wie die volle Macht des Staates aussehen kann, wenn er sich auf den reinen Machtapparat zurückzieht. Wir waren allesamt friedliche Demonstranten, keiner hatte irgendwelche Utensilien für gewalttätige Auseinandersetzung bei sich. Wie schon öfters fuhren wir mit drei Bussen Richtung Norden um an der Großdemonstration in Brokdorf teilzunehmen. Kurz nach Mitternacht wurden wir durch die Polizei auf der Autobahn in der Rhön gestoppt und mit der Begründung, die Fahrzeuge müssten auf gefährliche Gegenstände oder Waffen durchsucht werden, wurden wir auf die nächste Autobahnmeisterei umgeleitet. Es bot sich uns eine gespenstische Szene. Das Areal war durch starke Scheinwerfer taghell erleuchtet. Eingerahmt wurde das Gelände durch eine Doppelreihe von Polizeibeamten und voller Einsatzmontur, mit Helmen, Schilder und Schlagstöcken. Wir waren nicht der einzige Bus dort vielmehr standen schon etliche Autos aus verschieden bayrischen Städten auf dem Parkplatz. In aller Ruhe begannen wenige Beamte mit der Durchsuchung unseres Fahrzeuges. Die

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br> Taktik war klar, wir sollten hier solange aufgehalten werden bis wir nicht mehr rechtzeitig zur Demonstration nördlich von Hamburg fahren konnten. Sei ging auch auf, denn in den frühen Morgenstunden entschieden wir uns nach Hause zu fahren. Natürlich nutzten wir diese Polizeiaktion propagandistisch reichlich aus und auch die Atomkraftgegner, die nicht mit im Bus gewesen waren, das bürgerliche Lager, bis in die CSU hinein, solidarisierten sich. Später kam es bei ähnlichen Fahrten auch nicht mehr zu solchen Zwangsstopps. Obwohl in der Region die deutliche Mehrheit der Bevölkerung gegen Atomkraftwerke, zumindest gegen das Konkret, war, konnte es mit allen Protestaktionen nicht verhindert werden. Im Prinzip sprachen sich auch alle politischen Parteien für die sogenannte "friedliche Nutzung der Atomenergie" aus. Es wurde immer klarer die Problematik konnte nur politisch gelöst werden. So bastelten wir am Aufbau einer Partei bundesweit und in den Regionen. Die Gruppierungen die plötzlich aufeinanderprallten passten eigentlich ideologisch und weltanschaulich nicht zusammen. Da waren die Konservativen, christlich orientierten Umwelt- und Lebensschützer und da waren wir die heimatlosen Linken aller Schattierrungen. Worüber wir gar nicht diskutieren mussten, was für uns selbstverständlich war, etwa die Streichung des Paragraph 218, war für die anderen ein Tabubruch und eine schwere Sünde. Ähnlich war es bei den Bereichen Schwulen und Lesben, Schulsystem oder auch das angestrebte Gesellschaftsmodell. Die starke einigende Kraft, war die Ablehnung der Atomenergie und die Betonung von dezentralen Strukturen. Die Kapitalismuskritik wurde allgemein akzeptiert, ohne genau zu definieren wie sie strukturiert ist. Die Sitzungen vor und nach der Parteigründung, sie hieß damals "Sonstige politische Vereinigung, Die Grünen" die zur Europawahl antrat, waren sehr spannend. Wir wussten wie man Diskussionen hinauszögert um Sitzungen künstlich zu verlängern, um bei wichtigen Abstimmungen die Mehrheit zu bekommen. Dies funktionierte nicht nur in unserem Ortsverband sondern bundesweit. Bald hatte die Partei dann eine klare linke Ausrichtung, für uns nicht links genug, aber besser jedenfalls als die Sozialdemokratie. Bald war ich dann auch im Kreisvorstand und schließlich Kreisvorsitzender der Grünen. Mallorca zur Realzeit. Ich sitze immer noch, oder besser gesagt jetzt wieder, im Zug der P.-Tour. Wie gewohnt stelle ich die Fahrt vor und begleite sie. Zwischen zeitlich

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habe ich auch bei anderen Reiseveranstaltern gearbeitet. Sehr abwechslungsreich und interessant war auch eine Trike-Tour. Unter der Sonne Mallorca´s macht es einfach Spaß Trike, diese dreirädrigen Autos, zu fahren. Auch der Verkaufsort ist nicht übel, oder wer hat schon seinen Arbeitsplatz direkt am Strand unter Palmen. Die Kundengespräche gestalten sich ebenfalls als angenehm, die Trikes sehen toll aus und viele träumen davon einmal im Easy-Rider-Stil über die Highways zu brausen. Wenn da der Preis nicht wäre, denn eine Tour für drei Personen kostet rund 150 Euro, soviel Geld, wie All-Inclusive-Gäste als Barwert für die ganze Familie, für zwei Wochen eingeplant hat. All-Inclusive das ist ohnehin der Totengräber sowohl für den Tourismus vor Ort als auch für das Selbstbewusstsein der Gäste. Schließlich hat er seinen Urlaub, alles eingeschlossen, gebucht. Dazu gehören nicht nur Zimmer, Essen und Trinken, sondern auch strahlender Sonnenschein, gute Laune und beste Unterhaltung. Also Reiseveranstalter mach mal, das eben dies eintrifft, lautet sein Motto. Man glaubt kaum was man da alles erlebt. So die Dame die all-inklusive eine Woche für rund 200 Euro, mit Flug, gebucht hat. Sie kam zur Reiseleitung um sich zu beschweren. "Im Prinzip ist mit dem Hotel und dem Essen alles in Ordnung", erläuterte sie ihr Problem. "Aber nach dem Abendessen ist nur ein Kellner an der Bar, der das Bier zapft. Da muss ich mindestens fünf Minuten waren, bis ich ein Bier bekomme. Da könnte man doch wirklich zwei Kellner in die Bar stellen." Der Reiseleiterin und mir fehlten die Worte, was sehr selten vorkommt. Ein weiters fast schon abstruses Beispiel wozu das all-inclusive-System führt. So gibt es Hoteliers, die bewusst grottenschlechte Musikbands engagieren. Die falsche Musik soll die Gäste veranlassen die Bar des Hotels zu verlassen, da dort die Getränke frei sind. Diese all-inklucive-Mentalität, verbunden mit der Tendenz nicht am, sonder im Urlaub zu sparen erschwert es natürlich allgemeine Ausflüge, egal welcher Art an den Mann oder die Frau zu bringen. Nach der Bankenkrise hat sich der Tourismus jedoch schnell wieder erholt. Die politischen Unruhen in Nordafrika bescherten den Balearen einen Buchungsboom und so rollt dieser Zug, mit mir an Bord, wieder in eine hoffentlich sichere Richtung. Das Studium lief super. Mit dem Politologen-Professor bildete ich ein eingespieltes

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Team. Jeder wusste was der andere dachte und wir diskutierten uns quer durch die Geschichte der politischen Theorien. Andere Studenten verstanden uns teilweise gar nicht wenn wir mit den Fachtermini der Systemtheoretiker Luhmann oder Parsons um die Ohren schmissen. Wir waren auf der radikalen Suche nach der politischen Theorie schlechthin. Der Professor schrieb darüber ein Buch nach dem anderen, wobei allerdings keines besonderen Anklang in der Fachwelt fand. Dies lag auch teilweise an der Arbeitsmethodik: er sprach seine Gedanken in ein Diktaphon und die Sekretärin tippte das Gesprochene ab. Die Gedanken waren ohnehin hochtheoretisch und äußerst komplex. Die Texte dann noch ohne Punkt und Komma nahezu unverständlich. Schon bald war es meine Aufgabe die Manuskripte in eine leserfreundlichere Form zu bringen. Mit der Philosophie hatte ich mich mittlerweile angefreundet und beschäftigte mich im Grundstudium mit den Klassikern: Aristoteles, Plato, Cartesius, Kant, Hegel und Marx. Dann fand ich einen Professor der sich hauptsächlich mit den "exotischen" Denkern beschäftigte: Schopenhauer, Nietzsche, Wittgenstein oder Cioran. Bei ihm fand ich meine philosophische Heimat. Auch er hielt keine Vorlesungen im klassischen Sinn. Vielmehr legte er seine Gedanken dar, verband diese mit dem philosophischen System und wir diskutierten frei darüber. Natürlich machte ich mir auch Gedanken über meine berufliche Zukunft. Nach wie vor schrieb ich sporadisch für einige lokale Zeitungen Artikel. Nichts Weltbewegendes aber nach der geistigen Auseinandersetzung mit den großen Problemen welche die Philosophiegeschichte und der wahren politischen Theorien waren der Hasenzüchterverein, der den erfolgreichsten Rammler präsentierte oder der Schützenclub, der jährlich seinen hölzernen Adler abschießt, eine nette Abwechslung. Ich lebte in drei Welten die gut zusammenpassten. Der des Weltgeistes, der Welt als Wille und Vorstellung, der der kleinen regionalen Ereignisse, über die ich berichtete und dann eben die Politik. Die Partei der Grünen wuchs langsam aber stetig. Als Standort eines Atomkraftwerkes war die Anti-AKW-Arbeit bei weitem der wichtigste Bereich und dieser kittete sehr schön. Mittlerweile hatten wir auch eine linke Programmatik, die uns Marxisten zuwenig theoretisch war, mit der wir aber leben konnten. Da bekam ich von einer kleinen Wochenzeitung das Angebot, ein Volontariat zu absolvieren. Eine ältere Kollegin, die immer sehr hektisch war und Unmengen von Kaffee trank, führte mich in das Handwerkszeug des Journalismus ein. Sie hatte schon für große Zeitungen gearbeitet und ihre etwas

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sprunghafte Lebensweise hatte sie nun in die Provinz verschlagen. Sie kannte natürlich niemanden. Bei den Terminen musste ich ihr sagen, wer der Oberbürgermeister, der vorsitzende der CSU etc. ist. Wir arbeiteten gut als Team zusammen. Bald hatte ich auch engen Kontakt zu den lokalen Entscheidungsträgern, obwohl ich als linker Grüner bekannt war. Aber ich trennte immer meine journalistische Arbeit von der politischen Überzeugung. So gelang mir auch der Spagat zur Zufriedenheit des Besitzer über die Neueröffnung eines Pelzhaus zu schreiben und gleichzeitig bei den Grünen am Grundsatzprogramm zum Tierschutz mitarbeitet, worin wir natürlich die Verarbeitung von Pelzen zu modischen Zwecken kategorisch ablehnten. In meiner journalistischen Tätigkeit wandte ich damals schon ein Prinzip an, was die Philosophen Hermeneutik nennen. Ich wollte über denjenigen oder über dessen Angelegenheiten ich schrieb, zunächst einmal verstehen. Ich wollte und will wissen, was jemand tut, warum er es tut und wie er es tut. Als Journalist will ich berichten über einen Teil des Lebens, der nicht das allgemeine Leben ist. Warum arbeitet jemand als Kürschner, wirklich nur weil er Geld verdienen möchte oder gibt es noch andere Motive? Dieses Interesse an der Tätigkeit, am Leben der anderen, an ihren Interessen, Zweifeln, Wünschen und Zielen galt für alle Bereiche meinen journalistischen und sonstigen Dasein. Es galt für den Politiker ebenso wie für den katholischen Pfarrer, der mit seiner Geliebten zwei Kinder gezeugt hatte, dies aber verleugnen musste, sowohl gegenüber seinen Kindern als auch der Öffentlichkeit. Nur seine Frau und der Bischof wussten Bescheid. Dies galt ebenso für die Prostituierte, die im Campingwagen am Stadtrand ihrer Arbeit nach ging und mir erklärte, wie man den Freier mit der Hand befriedigte, obwohl dieser glaubte in die Vagina eingedrungen zu sein, die Venusfalle. Es galt für den Pathologen, der mir begeistert von Veränderungen im Lungengewebe vorschwärmte ebenso wie für den Türken der mir erzählte, warum seine Döner Kebab´s die besten sind. Natürlich waren bei den PR-Artikeln die Motive offensichtlich. Aber sie interessierten mich, denn die Menschen wollten davon leben. Ich schreib so, wie diese Menschen es wollten, dass ich sie darstelle. Es war nicht meine Aufgabe zu bewerten. Natürlich sorgte ich für die journalistische Ausgewogenheit, wenn es um politische Themen ging, da kamen alle Seiten zu Wort. Wenn aber Personality-Geschichten anstanden, dann stellte ich die Person dar, wie sie gesehen werden wollte. Selbstverständlich erkannte ich auch

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ihre Schwächen, aber ich war kein Richter, sondern ein Mittler für die Öffentlichkeit. Dieser Arbeitsstil brachte mir Anerkennung in der Region ein und die wollte ich auch. Klar diskutierte ich auch mit dem Pelzhausbesitzer, der meinte, wir Grünen würden seine Existenz ruinieren. Ich versuchte auch über die unterschiedlichen Weltsichten zu kommunizieren. Aber letztlich hatte der überzeugte Kürschner Recht, nach ein paar Jahren war er pleite. Nach einen Jahr als Volontär, wobei ich von Monat zu Monat immer mehr Artikel selbst recherchierte und schrieb, war meine Ausbilderin plötzlich verschwunden. Von einem Tag auf den anderen war sie weg, keiner wusste was passiert war. Dies bedeutete ich war für die Redaktion allein zuständig und nebenbei schrieb ich meine Magisterarbeit. Ich suchte mir zwei freie Mitarbeiter und gab bei meiner Abschlussarbeit Gas. Das Thema "Die politische Ökologie als neue Form des Korporatismus" hatte ich bereits nach dem fünften Semester gehabt. Dahinter verbirgt sich ein demokratie-theoretischer Ansatz oder besser gesagt ein grünes Dilemma. Der Pluralismus, die Haupttheorie der modernen Demokratietheorie, nordamerikanischer Prägung, geht davon aus, dass es für das politische Handeln kein vorbestimmtes Allgemeinwohl gibt. Anders ausgedrückt es gibt nichts kein heiliges Buch, keine wissenschaftliche Erkenntnis, auch keinen Politiker der von vorne herein weiß oder sagen konnte, was für das Allgemeinwohl gut, richtig oder wünschenswert ist und was dafür zu tun ist. Vielmehr ist es ein Prozess in dem unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen und bestimmen was als Allgemeinwohl angesehen wird. Konkret geschieht dies durch die Parteien mit ihren unterschiedlichen Programmen und die Wahlen. Demokratietheoretisch beschrieben, die Bonum commune - Findung ist nicht a priori sondern a posteriori. Kommunismus und Nationalsozialismus haben dagegen eine a priori Gemeinwohlfindung. Die Partei, der Führer oder die Vorsehung entscheiden was im Konkreten das Allgemeinwohl ist. Der Korporatismus, eine demokratietheoretische Bewegung, die vor allem in Deutschland in den dreißiger Jahren des letzten existierte, nimmt eine Zwitterstellung ein. Er akzeptiert zwar in einigen Teilen den pluralistischen Ansatz. In wichtigen gesellschaftlichen Teilen schließt er ihn aber aus und spricht von den Säulen der Gesellschaft. Über die Gestaltung dieser Säulen dürften nicht alle Mitglieder einer Gesellschaft entscheiden, sondern nur die darin involvierten. Zu diesen Säulen zählt er insbesondere Kapital und Arbeit, wobei diese Bereiche ihr Agieren oder Zusammenleben weitgehend alleine bestimmen sollten.

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Nimmt man jetzt bei den Grünen nicht die Säulen "Kapital" und "Arbeit", sondern die Säulen "Gesellschaft" und "Natur" ist man wieder beim korporatistischen Ansatz. Die Natur hat eine Art a priori Eigenrecht, deren Existenzrecht von vorne heran feststeht und das nicht angetastet werden darf. Dabei geht es nicht nur um theoretische Haarspalterei, sondern die unterschiedlichen Denkweisen haben erhebliche praktische Konsequenzen. So etwa die bedrohte Lurchenart deren Existenz eine so hohe Bedeutung hat, dass eine Straße niemals durch ein Feuchtgebiet gebaut werden darf, selbst wenn sie die Lebensqualität einer ganzen Gemeinde erheblich verbessern würde. Die Grünen haben dieses Dilemma zwar niemals grundsätzlich ausdiskutiert, aber deutliche Ansätze waren und sind vorhanden. Etwa in der Form, dass man der Natur oder Tieren ein Existenzrecht zubilligt, etwa in der Form der allgemeinen Menschenrechte. Es wurde auch überlegt eine Institution wie Naturanwälte bei politischen Entscheidungen zu integrieren, die sozusagen die Rechte der Natur vertreten sollte. Jedoch ein viel praktischeres Beispiel verdeutlichte mir, welche Auswirkungen ein solches Denken haben kann. Da gab es bei den Grünen einen radikalen Nichtraucher, der auch nicht davor zurückschreckte seiner Frau das Rauchen abgewöhnen zu wollen, indem er ihr die brennende Zigarette auf den Arm ausdrückte. Die Tatsache, dass er danach fast immer alleine lebte ist nicht verwunderlich. Es war aber ein noch theoretischeres Problem, das mich letztlich veranlasste, mich bei den Grünen zurückzuziehen. Letztlich war es für mich die Hybris des anthropozentrischen Denkens, dass wir Menschen meinten, wir müssten uns für den Erhalt des natürlichen Gleichgewichts, des Klimaschutzes oder gar die Rettung des blauen Planeten einsetzen. Nein, dies erledigt die Evolution, die Natur schon ganz alleine. Sie braucht uns dazu sicherlich nicht und ob unsere Art danach noch existent sein wird ist eher ungewiss. Die Evolution braucht den Menschen nicht, dass hat sie bei anderen Lebewesen bereits demonstriert. Meine Magisterarbeit war fertig und für die drei mündlichen Prüfungen hatte ich die Professoren gefunden. In der Philosophie beschäftigte ich mich natürlich mit einem "exotischen" Thema: "Elemente anthropofugalen Denkens in der Philosophie Schopenhauers, Nietzsches und Ciorans". Nach dem Studium setzte sich ein neuer Zug meiner Lebenswelt in Bewegung: Ich war jetzt verantwortlicher Redakteur der kleinen Wochenzeitung, hatte zwei freie Mitarbeiter und wir arbeiteten vorsintflutlich. In der ganzen Redaktion

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gab es keinen Computer. Wir schrieben alle Texte auf mechanischen Schreibmaschinen. Die Artikel wurden dann in der Druckerei erfasst. In einem Crashkurs hat mir ein Fotograf beigebracht wie man Zeitungsfotos schießt und wie man Schwarz-Weiß-Bilder entwickelt. Trotzdem verlief das Tagesgeschäft relativ reibungslos. Wir schafften es jede Woche eine Ausgabe zu produzieren, die Themen, die wir anschnitten interessierten die Leser und auch finanziell stand das Projekt auf der sicheren Seite. Bis sich die beiden Inhaber, die zu gleich Geschäftsführer waren wegen des Geldes in die Wolle geraten waren uns sich nach einer Schlammschlacht trennten. Ich hatte schon zuvor mit einem der Inhaber zusammengearbeitet und dieser hatte in der juristischen Auseinandersetzung den Kürzeren gezogen. Er hatte zwar eine Abfindung erhalten, jedoch gleichzeitig ein fünfjähriges Wettbewerbsverbot. Das bedeutet: innerhalb dieser Zeit durfte er in der Region keine neue Zeitung aufmachen, ansonsten drohte eine saftige Strafe. Wir waren jetzt beide arbeitslos. Eines Abends kam er zu mir und legte mir seine Ideen dar. Mit seiner Frau zusammen sollte ich eine GmbH gründen, ich wäre der alleinige Geschäftsführer und wir würden eine neue Zeitung herausgeben. Klar wussten wir, dass mittelfristig unsere Region zwei Wochenzeitungen, die sich nur durch Anzeigen finanzierten, wirtschaftlich nicht tragen würde. Aber wir hielten uns für journalistisch Kompetent, glaubten die besseren Kontakte zur Wirtschaft zu haben und wir wussten, dass unser Konkurrent gesundheitlich ziemlich angeschlagen war. Nach einigen Tagen sagte ich zu und ich war plötzlich ein Unternehmer, ein Kapitalist. Kein echter natürlich, denn wir verfügten über keine Produktionsmittel. Wir hatten etwas Geld, eine Gesellschaft und unsere Idee. Was es bedeutet Kleinunternehmer zu sein, lernte ich schnell: Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit, ohne Ende. 16 bis 18 Stunden pro Arbeitstag waren keine Seltenheit, freie Wochenenden ein Fremdwort. Wir hatten kein Büro, keine Druckerei, keine Austräger, keine Kunden - praktisch nichts. Mein Partner konnte in der Öffentlichkeit nichts tun, was auch nur dem Aufbau einer Zeitung ähnelte. Im Hintergrund hielt er telefonisch Kontakte mit den Kunden, akquirierte Neue, kümmerte sich um Büroräume. Ich fuhr drei Tage durch alle Dörfer der Region, genau 96, um Austräger anzuheuern. In den Städten waren es natürlich mehrere Austräger und es war leicht sie zu finden, etwa über Aushänge in Supermärkten und Schulen. Je kleiner der Ort war, umso schwieriger wurde es einen Austräger zu finden. Dort gab es dafür nämlich eine Spezialistin: die Zeitungsfrau.

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Wer nicht weiß, was ein unterfränkischer Sturkopf ist, der muss mit einer Zeitungsfrau darüber diskutieren eine neue Zeitung in ihr Sortiment aufzunehmen. Gleichzeitig verhandelte ich mit Verlagen über den Druck unserer Zeitung. Es sollte ein Dummy, eine Art Musterausgabe, erstellt werden, wozu aber die Lay-Outer mich mit Fragen löcherten, von denen ich damals keine Ahnung hatte: "Wollt ihr 8 oder 8,5 Punkt als Grundschrift, Times Roman Bold oder eine andere Schrift, Rheinisches oder Berliner Format". Macht es so, wie ihr meint das es am besten aussieht, lautet meist meine Antwort, da ich in drucktechnischen Dingen ein absolute Unbedarfter war. Als Unternehmer änderte sich schnell mein Weltbild: Ich musste Personal einstellen und später natürlich auch entlassen. Fast stündlich waren Entscheidungen zu treffen, alle mit erheblichen finanziellen Auswirkungen. Es wirkte wie ein Wunder: nach vier Wochen harter Arbeit verfügten wir nicht nur über ein Büro, zwei Sekretärinnen, Austräger, sondern standen kurz vor der Herausgabe der Nullnummer. Journalistisch war sie sicherlich das Schlechteste was ich je geschrieben hatte, denn zum Recherchieren hatte ich keine Zeit. Nach zwei durchgearbeiteten Nächten stand die Ausgabe und sie war gar nicht so schlecht. Jetzt begann der Kampf auf allen Ebenen: der Preiskampf, der Kampf um die besten Stories und die bessere Verteilung. Die Konkurrenz arbeitete mit allen Mitteln: sie setzten einen Privatdetektiv auf meinen Partner aus. Der Ermittler sollte Beweise liefern, dass mein Kompagnon am Aufbau der Zeitung beteiligt ist und somit gegen das Wettbewerbsverbot verstieße. Wäre das gelungen, wären wir platt gewesen. Also konnte mein Partner nicht mehr ins Büro kommen, durfte keine Kundenbesuchen und sich nicht in der Nähe der Druckerei blicken lassen. Er konnte nur noch von zu Hause telefonische Aquise betreiben. Die Anzeigenvorlagen holte ich bei den Kunden ab, kümmerte mich um die organisatorischen Details und am Rande war ich Journalist. Das Zeitungsmachen hatte ich mir in der Tat anders vorgestellt. Dazu kam dann noch eine der schlimmsten Erfahrungen meines Berufslebens. Ich musste eine der Sekretärinnen entlassen, die sich um den Vertrieb kümmerte. Nicht weil sie schlecht gearbeitet hatte, nein wir waren finanziell so angeschlagen, dass wir sie uns nicht leisten konnten. Unter Tränen flehte mich die Frau an sie nicht zu entlassen, sie würde auch für weniger Geld arbeiten. Doch ich konnte nicht anders. Wir standen kurz vor dem Aus. Wir mussten Kosten sparen. Also übernahm ich auch noch Vertrieb, was nicht unbedingt eine Qualitätssteigerung

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war. Selbstverständlich fuhr ich auch die Zeitungen selbst zu den Austrägern. Schließlich kam uns das Schicksal zu Gute: der Inhaber unserer Konkurrenzzeitung verstarb und wir hatten keinen Mitbewerber mehr. Die Chance zur finanziellen Konsolidierung nutzten wir in einem halben Jahr. Die gefeuerte Sekretärin wollte ich dann wieder einstellen, aber auf der Such nach einem Job war sie in eine andere Stadt gezogen. Ich empfinde es heute nach wie vor als Glück, dass es bei dieser einzigen Entlassung geblieben ist. Ich konnte mich gut in die Lebenswelt eines Mittelständlers hineinversetzten und erlebte am eigenen Körper, dass es sehr wohl Unterschiede zwischen Kapitalisten und Kapitalisten gibt. Der international agierende Börsenmakler, für den die Rendite das einzige Maß der Dinge ist, unterscheidet sich vom Spitzenmanager und dieser wieder sehr stark vom mittelständischen Unternehmer. Alles in einen Topf zu werfen ist falsch, wie jede Pauschalisierung. Beruflich konnte ich mich jetzt meinem Metier widmen, der journalistischen Arbeit. Völlig unerwartet ereilte mich ein Anruf meines Politikprofessors. Er benötigte dringend einen wissenschaftlichen Mitarbeiter, da momentan nur noch "Vollidioten" an seinem Institut herumliefen. Ich konnte die Zeit an der Uni auch nutzen, um an meiner Promotion zu arbeiten. Der Gedanke doch in die universitäre Laufbahn einzusteigen gefiel mir. Mit meinem Geschäftspartner einigte ich mich darauf, meine Gesellschaftsanteile an ihn zu verkaufen und die Arbeit an der Uni so zu gestalten, dass ich noch Zeit für die Redaktion hatte. An der Universität bestand meine Hauptarbeit in der Betreuung der Institutsbibliothek, der technischen Seminarabwicklung und natürlich im Korrekturlesen der Manuskripte des Profs. Zudem wollte ich an meine Dissertation schreiben. Einen Arbeitstitel hatten wir schon "Der Paradigmen - Wechsel in den Sozialwissenschaften". Kurz gesagt ging es darum, dass man in den Naturwissenschaften erkannt hatte, dass es die universelle Theorie für alle Bereiche nicht gibt. Vielmehr gibt es für unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche verschiedene Theorieansätze oder wie Hawking es nennt "modellabhängige Wahrheiten". So gelten in der Physik auf der Makroebene andere Erklärungsmodelle oder Theorien, wie in der Mikroebene. Die monokausalen Gravitationsgesetze gelten für große Körper, auf subatomarer Ebene gilt die Quantentheorie. Eigentlich war es in den Sozial- und Politikwissenschaften schon immer so, dass es unterschiedliche Theorieansätze existieren: Macht-, System- und Spieltheorie

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wetteiferten mit der politischen Ökonomie und Vertragstheorie um das passende Erklärungsmodell. Die Crux bestand darin, dass fast alle einen Universalitätsanspruch hatten, also alle politischen Phänomene hinreichende erklären zu können. So bestand ein wesentlicher Bestandteil des Streites der unterschiedlichen Schulen oder Theorieansätzen die jeweils anderen vorzuwerfen welchen Wirklichkeitsbereich sie nicht gut erklären können. Mit dem Paradigemwechsel sollte erreicht werden ein Megamodel zu konstruieren, die den unterschiedlichen Ansätzen ihren Geltungsbereich zuzuweisen. Anders ausgedrückt: es gibt nicht eine universelle politische Theorie die alle gesellschaftliche Phänomene erklärt. Vielmehr gibt es verschiedene theoretische Ansätze, die bestimmte Bereiche erklären und in ihrer Zusammenfassung das Ganze erklären. Klingt zunächst relativ einfach war aber angesichts des Wissenschaftsstreites in den Sozialwissenschaften nicht leicht. Mit meinem Job in der Bibliothek hatte ich gute Möglichkeiten die aktuellste Literatur zu studieren. Auszuleihen hatte ich wenig, da die Bücher für die Seminare in der Präsenzbibliothek verstaut waren. Zwei Tage in der Woche saß ich den Bibliotheksräumen, zwei Ausleihvorgänge in diesem Zeitraum waren schon viel. Den Rest der Woche arbeitete ich in der Redaktion. Der geistige Spagat zwischen den beiden Welten war gewaltig. Auf der einen Seite die hochabstrakte Reflexion über Theorien und wie man sie zu einer Megatheorie vereinen könnte. Auf der anderen Seite der Gartenverein, der sein Sommerfest möglichst gut in der Öffentlichkeit präsentiert haben wollte. Beiden Bereichen waren mir wichtig und sie wollten das Beste erreichen. In Sprache, Termini und gesellschaftliche Bedeutung zwar völlig verschieden aber für die Involvierten war und ist ihre Welt am wichtigsten. Ich bewegte mich gerne in beiden, war in ihnen zu Hause. Doch da kam die Sache mit dem Computer. Das politische Institut war der letzte Fachbereich an der Universität das keinen PC hatte, auch ein Indiz für den Stellenwert der unserer Einrichtung innerhalb des Universitätsverbundes zugebilligt wurde. Ein Mitarbeiter der Zentralverwaltung brachte uns das Gerät, inklusive einer CD. Wir sollten jetzt "word" installieren, meinte er lapidar und verschwand. Entsetzt schauten wir, die Sekretärin und ich, als einziger wissenschaftlicher Mitarbeiter, uns an. Keiner von uns hatte bisher jemals mit einem Computer gearbeitet. Das Ding mit Strom zu versorgen, das schafften wir gerade noch, aber "word" installieren - keine Ahnung. Ich fragte also einen Studenten, von dem ich wusste, dass er ein Computerfreak war.

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Er lachte sich fast tot - word installieren - mehr nicht. Er führte die CD ein und in ein paar Minuten war das Programm installiert. Das mit dem Computer wurde zum echten Problem. Eigentlich sollte er ja die Arbeit erleichtern uns erschwerte er sie. Ich sollte den Bestand der Bibliothek mit Exel erfassen und mit der Zentralbibliothek vernetzen. Alles spanische Dörfer für mich. Die Hilfe des Studenten erfolgte fast täglich und mir wurde klar, dass er dieses Geschäft viel besser beherrschte als ich. Er kannte zwar die ganzen Theoretiker etc. nicht, aber er konnte spielend mit Computern umgehen, Netzwerke aufbauen und sogar verschiedene Programme speichern. Mir wurde schnell klar, dass er mich am Institut früher oder später ablösen würde. Da spielte wieder der Zufall eine Rolle, der einen neuen Zug in Bewegung setzte. Ein ehemaliger Kollege, ein Journalist, rief mich an und informierte mich darüber, dass ein großer Nürnberger Verlag die Absicht hatte, in Würzburg ein Lokalradio aufzubauen. Der künftige Studioleiter suche noch einen Journalisten der sich gut in der Region auskennt, der frei sprechen kann und der über eine unterfränkische Färbung der Sprache verfügt. Die Arbeitsbedingungen für dieses Projekt sein sehr gut, meinte der Kollege, weil sich gerade im Radiobereich die Konkurrenz zwischen den Zeitungsverlagen und einem Telefonbuchverlag verschärft hatte. So stand ein doch bedeutender Betrag für die Aufbauphase zur Verfügung. Also traf ich mich mit dem Studioleiter, einem Hamburger, der jahrelang für die Bild-Zeitung tätig gewesen war. Er war beeindruckt von meinem Lebenslauf und meiner Berufserfahrung, inklusive "Zeitungsgründung". Er fragte ob ich auch Wortbeiträge für das Radio "schneiden" könnte, was ich verneinte. Nun auch kein Problem, das kann man ja lernen, meinte er. Das finanzielle Angebot als Radioredakteur in der Lokalredaktion zu arbeiten, war sehr verlockend und bei weitem das höchste Gehalt das mir bis dahin jemals angeboten worden war. Mir war klar, dass es das Ende meiner akademischen Karriere bedeutet, wenn ich jetzt die Universität verlasse. Auch den geliebten Redaktionsjob in meiner Heimatstadt müsste ich aufgeben. Es war ein Sprung ins kalte Wasser: ein neues Medium von dem ich keine Ahnung hatte, außer dessen Konsum, und der Umzug in eine Großstadt, in der ich fast niemanden kannte. Die Entscheidung viel mir nicht leicht, doch schließlich wählte ich,

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wie fast immer im Leben, den neuen Zug. Die Studioräume, in deren das Lokalradio entstehen sollte waren gigantisch. Eine ganze Ebene war in einem großen Bürogebäude angemietet worden. Alleine die Wortredaktion war räumlich doppelt so groß, wie das gesamte Verlagsbüro unserer Wochenzeitung. Die Ausstattung war noch provisorisch: die Schreibtische waren alte Orangenkisten, die Stühle Klappsessel und die ganze Redaktion hat gerade mal ein Telefon. Aber wir waren rund zehn Redakteure in der Wortredaktion. Alle anderen Kollegen hatten bereits Radioerfahrung, sie hatten bei großen Sendern in Berlin, München, Stuttgart oder anderen Metropolen gearbeitet. Sie waren begeisterte Radiomacher und brachten mir diese Leidenschaft bei. Das einzige was ihnen gründlich mangelte, war die fränkische Sprachfärbung und die regionale Kompetenz. Beides verkörperte ich in Person. Als ich das erste Mal an ein Schneidegerät arbeitete bekam ich einen Schock. Mit welcher Geschwindigkeit die Kollegen Beiträge schnitten. Und Schneiden war damals noch Schneiden: keine digitalen Computer, bei denen man nach Amplituden, elektronisch schneiden kann. Nein ganz normale Tonbandgeräte. Der Redakteur konnte sich nur auf sein Gehör verlassen, um "Aah" oder Versprecher, herauszuschneiden und dann wieder das Band zusammenkleben, ohne dass man später etwas hören konnte. "Das schaffst du niemals" meinte ich. Übrigens ein Gedanke der sich immer bei mir eingestellt hat, wenn es darum ging etwas Neues, vor allem etwas was mit Technik zu tun hatte, zu bewältigen. Meistens habe ich doch geschafft, wenn auch nicht immer, wie das "Dosenlöten" als Zahnarzt. Wie mir mittlerweile klar ist war dies niemals ein Problem der Technik oder meines Könnens. Viel mehr war es ein Problem meines Willens: was ich wirklich wollte, schaffte ich, was nicht, eben nicht. Mit dem Radio betrat ich auch eine neue journalistische Dimension: klar gab es auch hier die lokalen Honoratioren, wie Regierungspräsident, Oberbürgermeister, Fraktionsvorsitzender, Chef der Industrie- und Handelskammer. Als "die regionale Kompetenz" knüpfte ich natürlich als erstes zu diesen Kontakten, die schließlich so gut waren, dass ich von allen Parteien alles erfuhr, auch was in nichtöffentlichen Sitzungen geschehen war. Aber der Politikbereich über den wir berichteten wurde um eine Dimension erweitert: die Bundespolitik. Da wir in einer Regierungshauptstadt, wenn auch nur der Regierung von Unterfranken, agierten, besuchten immer wieder Bundespolitiker Konferenzen oder Kongresse. Erklärtes Ziel

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unseres Studioleiters war es alle Prominenz, egal ob aus Politik, Sport, Show-Biz oder Wissenschaft, die sich auch nur in der Nähe unseres Standortes aufhielten vor das Mikro für ein Interview zu bekommen. Das klassische Radiointerview bestand bei uns, als Sender mit boulevard Ausrichtung, immer aus zwei harten Fragen, also inhaltliche Aspekte des jeweiligen Fachgebiets und der sogenannten Human-Touch Frage, also ein Statement zur Person. In den beiden ersten Kategorien durfte man fragen was man wollte. Wenn der betreffende Interviewer die dritte Frage vergaß, bekam der Studioleiter einen Tobsuchtsanfall. Die Bild-Zeitung wurde neben der Regionalzeitung als Pflichtlektüre für alle Redakteure eingeführt. Ich war und bin kein Freund der Bild und verstand erst diesen Schritt überhaupt nicht. Doch mit der Zeit erkannte ich, dass man von der Bild etwas lernen konnte. Nicht dass sie mehr oder minder Meinung bildet, der Tendenzjournalismus hat sich, je nach Chefredakteur gewandelt. Vielmehr versteht es "Bild" die Nachricht auf den Punkt zu bringen, sie allgemein verständlich zu machen. Dabei kommt es bei Radio noch mehr an, als bei Printmedien. Bei letzteren kann man nachlesen. Eine Nachricht im Radio hört man nur einmal, da muss sie der Rezipient verstehen. So übten wir Nachrichten schreiben obwohl wir noch gar nicht auf Sendung waren. Eine gute Nachricht bestand aus fünf bis maximal sechs Sätzen, einfach strukturiert, nicht verschachtelt, leicht verständlich. Der erste Satz ist der ear-catcher, er muss draußen am Gerät dazu animieren zuzuhören. Daneben erhielten wir auch eine Sprachschulung damit wir fit werden für das Nachrichtensprechen. Wir lernten richtig zu atmen, die Bauchstütze aufzubauen und deutlich zu artikulieren. Speziell für mich gab es speziell das technische Training, damit ich schneller Beiträge erstellen konnte. Alles neue Betätigungsfelder für mich und sehr interessant. Nach einer pompösen Eröffnungsfeier gingen wir auf Sendung und die Schnelllebigkeit des Mediums Radio bestimmte unser Leben. Kaum war ein Termin abgearbeitet wurde bereits der nächste vorbereitet. Dieses Tempo begeisterte mich. Es war ein ganz anderes Arbeiten als bei den Printmedien. Beim Schreiben konnte man bedacht die Worte wählen, nachdenken und dann den Artikel verfassen. Das Radio war anders: man musste erst überlegen was man fragen wollte, damit nicht immer die gleichen Standardfragen, wie z.B. "Wie schmeckt ihnen der Frankenwein?", gestellt wurden. Sobald ein Wort ausgesprochen war, war es auch schon gesendet, eine Korrektur war unmöglich. Verschärft wurde dieses Tempo dadurch, dass wir dazu übergingen

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fast ausschließlich Live-Interviews auszustrahlen. Dies ging schneller, weil man die Beiträge nicht schneiden muss. Man konnte von Event zu Event fahren, dort sich Live-Interview über Telefon einspielen und weiter ging's zum nächsten Termin. Diese Methode wurde auch durch die bestehende Konkurrenzsituation bestimmt. Wir waren drei Lokalradios, auf unterschiedlichen Frequenzen und jeder Anbieter bemühte sich einen möglichst großen Höreranteil zu haben, um sich dadurch vermarkten zu können. Wir strebten natürlich an die Besten, Schnellsten und Aktuellsten zu sein. Dies führte auch zu tragisch-komischen Stilblüten. Zum Standard eines Live-Interviews gehört die Abmoderation. Am Schluss des Interviews oder der Reportage sagt der Kollege vor Ort "Aus dem Würzburger Rathaus berichtete Bernd Schüll live für Radio XY". Punkt - dann wusste der Kollege im Studio, der Wortbeitrag ist zu Ende, ich kann Musik einspielen. Eine Kollegin vor Ort moderierte ab: "Gabriela Mustermann berichtet live aus - Pause - verdammt wo bin ich jetzt eigentlich". Der Regierungspräsident: "Junge Frau, sie sind in der Regierung von Unterfranken". Mittlerweile arbeitet besagte Kollegin übrigens sehr erfolgreich beim Fernsehen. Das Radioleben füllte den Alltag fast vollständig aus. Mittlerweile hatte die Sprachausbildung Früchte getragen: meine Stimme war dynamischer geworden, ich konnte besser artikulieren und wurde jetzt auch als Nachrichtensprecher eingesetzt. Dies bedeutet Schichtbetrieb: die ersten News wurden um 5.30 Uhr gelesen, wurden aber vom Sprecher selbst geschrieben. Dies bedeutet gegen 4.45 Uhr musste man im Studio sein, dpa-Ticker durchforsten, Polizei anrufen, regionale und Weltnachrichten einlesen und los ging es. Die Schicht dauerte bis 13.00 Uhr. Aber man blieb meist länger, denn wir hatten den Ehrgeiz entwickelt mindestens einen O- Ton pro Nachrichtensendungen zu haben. O-Ton heißt irgendein Prominenter oder ein Betroffener sagt etwas zu einer Nachricht. Der Universal-O-Ton zu allem was mit dem Nahen Osten oder dem Islam zu tun hatte, war Peter Scholl-Latour. Ihn konnte man fast immer anrufen, er ist Profi und bringt den O-Ton auf den Punkt. Ansonsten telefonierten wir wie wild durch die Republik auf der Jagd nach O-Tönen. Wir waren fast wie im Fieber und arbeiteten bis zu 10 Stunden, selbstverständlich ohne zusätzliche Vergütung. Aber der Radiojournalismus hatte uns gepackt. Mein politisches Engagement hatte ich mittlerweile auf Null reduziert. Ich war zwar noch Mitglied bei den Grünen, aber eher eine Karteileiche. Dies blieb ich auch bis zu der unsäglichen Zustimmung der Grünen zum Militäreinsatz der Bundeswehr im

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Kosovo. Selbstverständlich war ich mittlerweile Pragmatiker genug, um zu erkennen, dass man in der Politik die reine Lehre nicht immer durchsetzen kann. Doch dieser Einsatz war zuviel: eine Partei, die sich pazifistisch nennt tut sich schon schwer einem Militäreinsatz mit UN-Mandat zu akzeptieren. Aber ohne diese Legitimation geht meiner Ansicht gar nichts. Damit war mein politisches Engagement beendet. Ich war über 15 Jahre politisch aktiv gewesen, davon etliche Zeit sehr aktiv. Jetzt betrachtete ich die Politik ehe aus philosophischer Sicht. Aus meiner Beschäftigung mit der Philosophie hatte ich mir einige Grundprinzipien erarbeitet, sozusagen die Grundpfeiler meiner privaten Weltanschauung. Das Fundament war und ist das Postulat der philosophischen Gelassenheit. Mit den Worten Schopenhauers ausgedrückt bedeutet dies das hektische Agieren des Willens zum Sein in Kontemplation zur überwinden. Philosophische Gelassenheit heißt für mich auch, sich selbst nicht so ernst zu nehmen und auch nicht das Wirken der Menschen in der Weltgeschichte. Bildlich ausgedrückt: in der Geschichte des Universums ist unser Sonnensystem ein Fels, die Erde ein Stein und die Aktionen des Homo Sapiens ein Sandkorn. Natürlich kann auch ein Sandkorn eine große Maschine zerstören, ist aber eher unwahrscheinlich. Das Wirken des einzelnen Individuums ist dann weniger als ein Krümel. Das sollte man sich bei aller Geschäftigkeit und der Bedeutsamkeit, den man dem eigenen Tun beimisst immer berücksichtigen. Dabei wird man mit Sicherheit bescheidener und kommt der Gelassenheit immer näher, ohne sie vollkommen zu erreichen. Cartesius hat sein philosophisches System auf dem radikalen Zweifel aufgebaut. Er bezweifelt alles was zu bezweifeln ist die Sinneswahrnehmung können Täuschungen sein, die Weltmodelle unserer Theorien können Fiktionen sein. Aber wenn man zweifelt kann das denkende Subjekt nicht mehr bezweifeln, das es zweifelt. Mein philosophisches Credo lautet: egal was ich tue oder nicht tue, eines ist sicher, ich erreiche das Nichts. Richtig nachgedacht liefert dieses Prinzip sehr viel Gelassenheit. Klar kommen dann die Gläubigen mit dem Einwand: kannst du dir keine paradiesische Zustände, das ewige Leben vorstellen? Klar kann ich das! Glückzustände pur wie einen genialen Gedanken zu haben, geilen Sex genießen und ein Superessen mit einem schönen Rotwein zu zelebrieren. Nun nehme ich diese drei Glücksmomente und ziehe sie zu seinem zusammen. Dies habe ich zwar real noch nie erlebt, denn bis jetzt waren sie immer getrennt, aber ich kann es mir vorstellen. Jetzt frage ich die Paradiesgläubigen ob sie

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diesen phantastischen Superglücksmoment immer leben möchten? Zum Glück gehört immer auch seine Abwesenheit. Oder um mit Epikur zu sprechen: Glück ist die Abwesenheit seines Gegenteils. Es gibt dann noch einen dritten philosophischen Grundpfeiler meines Lebenswegs, der aus einem Seminar über den Existentialismus resultiert. Es ist die Auffassung von der Gnade nicht geboren zu sein. Dieses Postulat wird oft gleichgesetzt mit einer pessimistischen, lebensverneinenden Grundeinstellung. Nein, ich liebe das Leben in allen seinen Facetten, mit seinen Höhen und Tiefen. Aber diejenigen, die nicht geboren sind, müssen sich nicht mit dem Phänomen Sein und Nichtsein auseinandersetzen. Freilich sie können auch die Glücksmomente nicht genießen, aber sie wissen auch nicht, dass diese sind oder sein könnten. Also entschied ich mich die Gnade des Nichtgeborenseins zu schenken und mich nicht zu vervielfältigen. Der Radiojournalismus erfüllte nach wie vor den Alltag. Mittlerweile hatte ich eine eigene Sendung entwickelt, eine Diskussionsrunde, in der Hörer an Prominente oder/und Fachleute Fragen stellen konnten. Eine sehr wortlustige Sendung, die gar nicht unserem Musikformat entsprochen hatte. Es bedurfte einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Studioleiter bis ich diese Sendung in den Programm schaufeln konnte. Die Themen die besprochen wurden hatten meist lokalen Charakter aber auch allgemeine, überregionale Fragen wurden diskutiert. In diesem Zusammenhang erlebte ich die Macht der CSU hautnah. Es war die Zeit als die rechtspopulistischen Republikaner in Bayern für Furore sorgten. Durch Zufall hatte ich es geschafft, die Galionsfigur und Gründer der Republikaner, Franz Schönhuber, als Gast für meine Sendung zu gewinnen. Ich wollte zusammen mit einem CSU- Politiker und Schönhuber über die neue politische Strömung diskutieren, die der CSU gewaltig Stimmen gekostet hatte. Die Zusage eines lokalen Bundestagsabgeordneten der Christsozialen hatte ich ebenfalls und die Sendung wurde beworben. Plötzlich sagte mir der CSU-Politiker aus Termingründen ab. Ich machte mich auf die Suche nach Ersatz und fand auch einen Bundespolitiker aus der CSU-Fraktion, der an der Diskussionsrunde teilnehmen wollt. Am nächsten Tag erhielt unser Studioleiter einen Anruf aus der Parteileitung, dass sich überhaupt kein Politiker aus der CSU an der Sendung beteiligen werde. Wieder einen Tag später kam der Anruf unserer Verlagsleitung, höchste Ebene, dass die Diskussionsrunde mit Schönhuber überhaupt nicht stattfinden werde. Ja so ist Politik und freier

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Journalismus. Dem geneigten Leser wird aufgefallen sein, dass ich bisher viele Züge meines Lebens beschrieben habe. Was fehlt sind die bereiche Sex, Liebe, zwischenmenschliche Beziehungen. Was nicht bedeutet, dass die "Züge" keine wichtige Rolle gespielt hatten, ganz das Gegenteil ist der Fall. Aber ich bin der Meinung, dass die Züge nur mich und meine jeweilige Partnerin etwas angeht und nicht die Öffentlichkeit. Nur mit diesen Teile ich die Lust und auch den Frust der Beziehungszüge. Nur soviel: ich habe geheiratet, bin mittlerweile geschieden und lebe zurzeit in einer glücklichen Beziehung. Beim Radio wurd die finanzielle Decke immer dünner. Kosten wurden gespart, beim Material und dem Personal. Die ersten Stellen wurden abgebaut. Wegen meiner "lokalen Kompetenz" saß ich relativ sicher im Sattel. Aber die Gerüchte verdichteten sich, dass die beiden Lokalsender fusionieren werden. Das bedeutet: aus zwei Redaktionen wird eine, klar verbunden mit Stellenabbau. Da setzte wieder ein Zufall einen neuen Zug in Bewegung, wenn auch einen bekannten. Ein kleiner Verlag, noch richtig in der Tradition eines klassischen Familienbetriebs, wollte dem Monopolisten etwas Konkurrenz bereiten und eine neue Wochenzeitung auf den Markt werfen. Das mich der Kampf David gegen Goliath schon immer gereizt hat war ich dabei und baute die Lokalredaktion auf. Den Radiojob behielt ich als zweites Standbein. Zurück bei den Ursprüngen, machte das Zeitungsmachen wieder Spaß. Neue Kollegen, neue Technik - erstmals arbeitete ich selbst am Computer - neue Themen. Neben der Wochenzeitung bewegten wir uns auf journalistischem Neuland. Da die deutsche Gesellschaft immer älter wird entschlossen wir uns eine Zeitschrift für Senioren herauszugeben. In ihr sollten Senioren selbst über Themen schreiben, die sie interessierten und das Ganze mit regionaler Ausrichtung. Bald hatte ich das Autorenteam zusammen, pensionierte Lehrer, Ärzte, Apotheker, Geschäftsfrauen und Professoren. Mit Anfang vierzig war ich bei weitem der Jüngste, aber es war eine neue Erfahrung sich intensiv mit einer anderen Generation zu beschäftigen. Bisher hatte noch keiner von ihnen einen Artikel geschrieben. Doch mangelnde journalistische Kenntnisse ersetzten sie durch Engagement. Wir veröffentlichten keine Stories, die den typischen Seniorenklischee entsprachen so packten wir Themen an, welche die Betroffenen bewegten. "Sex im Alter" oder "Was tun, wenn die Worte fehlen" waren Fragestellungen denen wir uns

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widmeten. Doch die Zeit war noch nicht reif weder auf der Leser - noch der Kundenseite. Aus Kostengründen wurde das Projekt nach einem halben Jahr eingestellt. So blieb es bei der Wochenzeitung und dem Radiomachen. Mit der Zeit wurde dies zur Routine und es fing an mich zu langweilen. In Würzburg gab es damals und gibt es heute noch das sogenannte Weindorf. Um Pfingsten verwandelt sich der Marktplatz für knapp zwei Wochen in ein riesiges Restaurant. In kleinen Holzbuden wird dabei Wein unterschiedlicher Winzer ausgeschenkt und kleine Speisen kredenzt. Von Anfang an war diese Einrichtung ein riesiger Erfolg und ich berichtete als Journalist davon. Teilweise hatten wir dort sogar ein Ministudio für das Radio etabliert. Da sich meine Eltern auf Mallorca eine Immobile gekauft hatten, bekam ich zu der Insel eine besondere Beziehung. Wir verbrachten alle Urlaube auf Mallorca und ich begann Spanisch zu lernen. Bei mir kam die Idee auf, die unterfränkische mit der mallorquinischen Weinkultur zu vereinen und so eine Art spanisch-deutsches Weindorf auf Mallorca einzurichten. Es sollte keine Gaststätte im klassischen Sinn sein, vielmehr ein kleines Dorf, mit Holzhütten, das von Gemeinde zu Gemeinde zog um dort deutsche und spanische Weine sowie kulinarische Spezialitäten anzubieten. Da ich von der Gastronomie keine Ahnung hatte, setzte ich mich mit einigen Wirten des Weindorfes zusammen, um über das Projekt zu diskutieren. Alle waren von der Idee Begeistert und witterten das große Geld. Wir gingen in die Detailplanung: Was brauchten wir alles, welche Orte wollten wir besuchen, mit welchen Kosten mussten wir rechnen, welche Genehmigungen und Formalitäten hatten wir zu erfüllen und vieles mehr. Allein ein Jahr benötigten die Vorbereitungsarbeiten inklusive zweier Reisen nach Mallorca, um vor Ort alles vorzubereiten. Schließlich hatten wir alles was wir brauchten, den ersten Standort, die Genehmigung der Gemeinde für ein fahrendes Geschäft, ähnlich einem Zirkus. Auch der Bürgermeister war von dem Projekt sehr angetan und fragt mich bei jedem Besuch, ob wir auch wirklich mallorquinische Weine ausschenken werden. Dies konnte ich guten Gewissens bejahen, denn schließlich war das das Grundkonzept des Weindorfs. Womit wir nicht gerechnet hatten, zumindest in diesem Ausmaß nicht, waren die Unabwägbarkeiten des mallorquinischen Alltags. So verwechselte unsere Anwältin die Besitzer des Grundstückes, auf dem wir das erste Weindorf errichten wollten. So hatten wir zwar eine Kaution hinterlegt, aber eben beim Besitzer des Nachbargrundstückes. Als wir

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dann mit den Aufbauarbeiten beginnen wollten, kam der reale Besitzer und fragte erstaunt was wir denn auf seinem Grund und Boden treiben. Doch auch dieses Problem konnte ich lösen, ebenso wie die Tatsache, dass es mit der Stromversorgung nicht so klappte wie wir uns das vorstellten. Wir stiegen schließlich auf einen Generator um. Ein Problem das wir aber nicht lösen konnten war unsere Kalkulation. Sie war total falsch. Wir hatten mit 130 Gästen pro Tag gerechnet. Am Eröffnungstag hatten wir Rekord: 75 Gäste. Danach ging es nach unten. 25 bis 35 Besucher am Tag waren die Regel. An manchen Tagen deckten die Einnahmen nicht einmal die Dieselkosten für den Generator. Um das finanzielle Desaster nicht noch zu vergrößern war die Beendigung des Projekts nach drei Wochen die einzige richtige Entscheidung. Wir hatten uns richtig verkalkuliert und ich musste einige zehntausend Mark Lehrgeld zahlen. Aber das war nicht das Schlimmste. Ich hatte zwar keine Schulden, aber ich hatte auch keine Arbeit. Diesmal kam auch der Zufall nicht zu Hilfe. Arbeitslos konnte ich mich auch nicht melden, da ich die letzten sieben Monate in Spanien gearbeitet hatte. Also besuchte ich meinen Geschäftspartner mit dem ich die erste Zeitung gegründet hatte. Er hatte sich mittlerweile gut etabliert und ich spekulierte auf einen Job als freier Mitarbeiter in der Redaktion. Doch das gab es nicht. Er bot mir an stattdessen als Anzeigenverkäufer mit Festgehalt und Provision zu arbeiten. Mangels Alternativen nahm ich an. Und es wurde das schlimmste Jahr in meinem Berufsleben. Es ist nicht schlimm Anzeigen zu verkaufen, an sich. Aber meine potentiellen Kunden waren alles Kleinunternehmer, die überall Kosten sparen mussten, natürlich auch Werbekosten. Letztlich musste ich sie überreden, Werbung zu schalten, obwohl sie eigentlich nicht wollten. Es ist ein schreckliches Gefühl in Läden gehen zu müssen und eigentlich zu wissen, der Geschäftsinhaber sieht mich am liebsten von hinten. Natürlich erreichte ich mein Umsatz-Soll fast niemals im Monat. Doch wegen der gemeinsamen Vergangenheit machte der Chef keinen Stress. In diesem Jahr schrieb ich fast 200 Bewerbungen an Verlage von der Nordsee bis zum Bodensee. Wenn es überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch gekommen ist, war das Argument das gegen eine Einstellung sprach war immer das gleiche: sie sind überqualifiziert und zu alt. Der Anzeigerjob zerrte an den Nerven. Das erste Mal in meinem Leben ging ich nicht gerne zur Arbeit. Ich zögerte die Zeit hinaus bis ich das Büro verließ, um die Kunden zu besuchen. Statt zu diesen zu gehen stöberte ich immer öfters im Computer des Arbeitsamtes nach freien Jobs.

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Letztlich war ich bereit nahezu jede Arbeit anzunehmen, auch irgendwo Hamburger zu grillen. Ich wollte bloß raus aus diesem Anzeigenverkaufen. Da kam er doch noch einmal der Zufall. Der Chefredakteur einer Tageszeitung aus einer benachbarten Stadt rief mich an und erläuterte, dass sie regelmäßig eine Seite mit Schweinfurt-Themen gestalten wollten. Das sollte dreimal in der Woche stattfinden und ich sollte das journalistische Material dafür liefern, als fester Freier. Ob ich mir das vorstellen könnte, fragte er - welch ein Frage. Raus aus dem ungeliebten Verkaufsjob und wieder journalistisch arbeiten. Mittlerweile war ich computertechnisch auch besser ausgestattet und verschickte mein Artikel und Fotos als E-Mails. Diese Tageszeitung erschien etwas nördlicher von uns aus gesehen, in der Rhön. Als die ersten Schweinfurt Seiten erschienen waren, meldete sich auch eine südlich angesiedelte Tageszeitung und wollte ebenfalls das Material, als Zweitverwerter. Da ich nun wieder regelmäßig Termine wahrnahm, wie wichtige Stadtratssitzungen oder Pressekonferenzen, wurden auch die Kollegen vom Lokalradio auf mich aufmerksam. Sie fragten mich, ob ich ihnen Lokalnachrichten inklusive der O-Töne liefern könnte. Kein Problem dachte ich, schließlich hatte ich O-Töne schneiden in mühevoller Kleinarbeit gelernt. Aber ich hatte nicht die technische Weiterentwicklung bedacht. Schon lange wurde nicht mehr mit Band gearbeitet und Beiträge im wahrsten Sinne des Wortes geschnitten. Schneiden bedeutete mittlerweile das Rohmaterial in den Computer einzuspeisen und es dort digital zu bearbeiten sowie Nachriten fertig abzuspeichern. Als ich das erste Mal vor dem Computer saß kam wieder "Das-schaffst -du-nie-Gefühl" auf. Man konnte sich nicht mehr auf sein Ohr verlassen, sondern musste mit den Piks, den Ausschlägen auf dem Monitor arbeiten. Aber nach zwei Wochen konnte ich auch dieses Schneiden und ich war gut im Geschäft. Mein freies Journalistendasein war nicht schlecht, es machte Spaß, jedoch richtig Geld konnte man nicht verdienen, von Rücklagen anzusparen ganz zu schweigen. Da suchte einer der beiden Wochenzeitungen einen zweiten Lokalredakteur. Ich bewarb mich auf die Stelle und könne sofort anfangen. Einzige Bedingung: ich musste fit in Quark-X-Press sein, ein Arbeitsprogramm am Mac-Computer, speziell für Printmedien, mit dem der Redakteur selbst die Seiten erstellen kann, ohne Setzer oder Producer. Bis dahin hatte ich weder mit Mac oder gar mit Quark-X-Press gearbeitet - ich und Computer. Aber die Kollegen der Technik waren nett und brachten mir so schnell wie möglich das technische Rüstzeug bei.

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Der Rest der Arbeit war kein Problem, ich war in meinem Metier, dem Lokaljournalismus. Doch auch dies änderte sich schlagartig. Mein Kollege, der sich primär um den Sportbereich gekümmert hatte, hatte gegen das journalistische Wettbewerbsverbot verstoßen und wurde von einem Tag auf den anderen entlassen. Nun auch war ich für die ganze Redaktion zuständig, auch den Lokalsport. Für diesen hatte ich mich noch nie wirklich interessiert. Mit der Unterstützung eines Kollegen der Tageszeitung und dem Anwerben von freien Mitarbeitern konnte ich auch dieses Problem lösen. Doch im Laufe der Jahre stieg wieder das Gefühl in mir auf: du musst noch etwas ganz anderes machen. Wie wohl bei vielen so kurz vor 50 ist es die Midlife-Krise, die mit dem Vorsatz endet: Wenn du erst mal in Rente bist, dann machst du was du willst. Viele Kollegen dachten so, die meisten lebten auch nach diesem Motto und mit 60 bis 64 starben sie. Mir wurde immer klarer: wenn du etwas grundlegend mit deinem Leben und seinem Beruf ändern willst, dann musst du es machen bevor du 50 Jahre alt bist. Und so ist es dann auch gekommen: mit 49 war ich auf Mallorca, mit dem festen Vorsatz Marmorlaut-Sprecher zu verkaufen und philosophische Seminare veranstalten zu wollen. Auf Mallorca bin ich immer noch allerdings im Tourismus und zwar aktuell, bis die Saison zu Ende geht, bei den Trikes. . Auch Philosophie gibt es noch, wenn auch keine Seminare, von denen man leben könnte. Kurz nach meiner Ankunft habe ich mit anderen Deutschen einen "Gesprächskreis Mallorca" gegründet. Wir beschäftigten uns darin regelmäßig mit philosophischen Fragestellungen. Dass es nach vielen Jahren immer noch existiert, halte ich für ein kleines Wunder, zumal auf der Insel. Hier entwickeln gerade die deutschen Langzeit-Residenten eine Apathie, welche die mallorquinische Gelassenheit in den Schatten stellt. Jeder Meter sich zu bewegen ist ihnen zu viel. Nach Palma zu fahren - maximal 70 km - ist fast schon eine Weltreise. Regelmäßige Termine, um nur über Philosophie zu reden - fast unvorstellbar. Schließlich bekommt man Besuch, muss den Pool putzen, ist es zu heiß oder zu kalt, hat kein Benzin im Tank oder hat vergessen den Termin zu notieren. Aber es hat funktioniert - ein Lob der Philosophie. Manchmal werde ich gefragt: "Warum schreibst du eigentlich kein philosophisches Buch?" Ich glaube, nach den Verbrechen die Religionen und Ideologien den Menschen angetan haben, ist es nicht an der Zeit ein humanes, theoretisch fundiertes System

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erstellen zu wollen, um die Zukunft humaner, besser, gerechter oder sonst wie gestalten zu machen. Dazu hat der humane Geist kein Recht mehr und es bedarf eines nachmenschlichen Denkens. Es gibt sicherlich eine nachmenschliche Zeit, ob es in ihr ein posthumanes Denken gibt, ist möglich, aber nicht notwendig. Angesichts der Schrecken, die wir im Namen aller möglichen - ismen den Menschen und der Natur angetan haben, steht uns und unserem Denken etwas Bescheidenheit gut an. Selbstverständlich haben Geistesgiganten wie Kant, Schopenhauer oder Wittgenstein dazu beigetragen den menschlichen Geist aus den Dogmen des vorvernünftigen Denkens befreit. Die Aufklärung hat sich ein Menschenbild geschaffen, das unserer Spezies in einem Licht erstrahlen lässt, das häufig der dunklen Realität nicht entspricht. Wir sind trotz aller Rationalität nicht gefeit von unseren Urinstinkten und der perfiden Kraft von Ideologien. Dieser gelingt es immer wieder, auch heute noch, Menschen zu den ungeheuerlichsten Verbrechen zu treiben. Daher sollten wir uns mehr in Bescheidenheit üben und unser anthropozentrischen Welt- und Denkmodell zügeln. Der Homo Sapiens ist nicht die Krönung der Schöpfung oder das Ziel der Evolution. Er ist eine von vielen Arten, die sich freilich von anderen deutlich unterscheidet, in dem sie, unserem Wissen nach, die einzige ist, die ein Selbstbewusstsein und die Fähigkeit zur Transzendenz hat. Zweifelsohne hat sie auch durch ihre Entwicklung der Technologie ihre Umwelt mehr verändert wie jede andere Spezies. Aber dennoch sie ist eine endliche Art. Das was sie tut und so wie sie denkt tut sie so, wie sie durch die Evolution geworden sind. Wir können nur so denken, wie es unsere Denkmöglichen zulassen. Oder wie Wittgenstein sinngemäß ausdrückt: worüber man reden kann, kann man dies klar und deutlich und über den Rest muss man schweigen. Nietzsche hat diesen Wunsch nach einem neuen Menschen mit dem Auftreten des Übermenschen bezeichnet. Ich würde es eher mit einer nachmenschlichen Intelligenz beschreiben. Wie diese aussehen könnte wissen wir nicht, denn wir sind zu sehr mit unseren Denkmöglichkeiten verhaftet. Sowie es nach den Sauriern andere Reptilien gegeben hat, die mit ihren Vorfahren wenig gemeinsam hatten. So ist auch diese nachmenschliche Intelligenz vorstellbar, vielleicht auch wünschbar. Wenn die Bescheidenheit im Denken und die Relativierung des anthropozentrischen Weltbildes dazu führt, dass sich der Mensch nicht mehr als das wesentliche Agens der Weltgeschichte sieht, dann führen diese anthropofugalen Denkmustern auch zur philosophischen Gelassenheit.

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Zehn Thesen zur philosophischen Gelassenheit

  1. Alles was ich denke oder nicht denke, alles was ich tue oder nicht tue, endet letztlich im Nichts. Diese innere Gewissheit ist das Fundamentum für die philosophische Gelassenheit. Ich besitze sie nicht, sondern ich muss sie in jeder Situation erweben, ähnlich wie es sich mit der Wahrheit verhält. Die Bewährungsprobe, ob ich sie erworben habe, ist dann, wenn ich sie das letzte Mal benötige. Sokrates hat bewiesen, dass es möglich ist.

  1. Die Funktion und die Leistung der Theologien aller Art war es, in der Zeit des voraufgeklärten Denkens, durch die Postulierung eines höheren Wesens, der Ewigkeit und einem Sein nach dem Tod Moral zu begründen und sinnstiftend zu agieren.

  1. Die Aufklärung hat es geschafft uns prinzipiell aus der "selbstverschuldeten Unmündigkeit" zu befreien. Es gibt keinen notwendigen Grund an ein personales, höheres Wesen oder Kraft zu glauben. Wir können uns die Welt, wohl wissend um ihre Begrenztheit, mit der Vernunft erklären.

  1. Der Diskurs zwischen theistischer und nicht theistischer Weltbetrachtung hält an und ihn wird es wohl solange geben, solange die Menschen denken, wie sie momentan denken, denn darin erweist sich das Glauben wollen fast als ein humanes Grundbedürfnis.

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  1. Ein nachmenschliches intelligentes Leben hat die Möglichkeit neue Denkformen zu entwickeln. Diese können sich von den unsrigen so unterscheiden, wie unsere kritische Rationalität vom animistischen Denken unserer Vorfahren. Ob es ein nachmenschliches Denken wird ist nicht notwendig, angesichts der evolutionären Vielfalt jedoch möglich und sogar wahrscheinlich.

  1. Da wir zu sehr in unserem anthropozentrischen Denken verhaftet sind, können wir uns nicht vorstellen, wie das postmenschliche Denken aussehen wird. Wir können unser anthropozentrisches Denken nicht abschaffen, es jedoch relativieren. Als Art ist der Mensch eine von Millionen Arten. Das Artensterben ist eines der Prinzipien der Evolution. Das Ziel und Zweck der Evolution ist nicht der Mensch, denn sie hat keines. Durch unser Selbstbewusstsein, unser begriffliches Denken, unsere Kommunikation und unser Einwirken auf die Umwelt unterscheiden wir ist zwar von anderen Arten gewaltig, aber nicht prinzipiell. Auch wir sind der Evolution unterworfen und damit gleich den anderen Arten.

  1. Somit ist es auch nicht eine humane Aufgaben die Welt zu retten, dies ist vielmehr eine neue Hybris des anthropozentrischen Denkens. Vielmehr ist etwas mehr Bescheidenheit für die "klugen Tiere" angesagt und sich in Gelassenheit zu üben.

  1. Als Art können wir uns nicht der Evolution entziehen, wohl aber als Individuum, indem man sich nicht fortpflanze. Als einzige Art haben wir die Möglichkeit dies bewusst zu entscheiden. Wir können es sogar unterschiedlich begründen: materiell, theologisch oder philosophisch. Die erste: Kinder kosten viel Geld und ich möchte mein Leben lieber frei und ungebunden genießen. Die zweite: ich möchte meine ganze Kraft und Energie der Verbundenheit mit einem höheren Wesen widmen und damit der gesamten Menschheit dienen. Die dritte ist die Überzeugung von der Gnade des Nichtgeborenseins. Diese besagt: ich will kein neues denkendes Wesen erzeugen und es damit zu zwingen mit sich selbst, der Welt, der Endlichkeit, aber auch nicht mit dem Glück oder der Gelassenheit auseinanderzusetzen. Denn wer geboren wird und ein Denken entwickelt, muss sich zwangsweise mit diesen Phänomenen auseinandersetzen.

  1. Die Gewissheit des Nichts hat nicht die sinnstiftende Kraft eines Glaubens oder einer Ideologie an eine bessere Welt, an eine humanere Gesellschaft, einen Gott oder an eine Erlösung. Sie wird daher auch nicht das Agens einer Revolution, eines Heiligen Krieges oder einer gesellschaftlichen Bewegung. Nichts desto weniger ist die Gewissheit des Nichts unbedingt, wenn sie denn gewiss ist. Damit ist sie zumindest beruhigend und öffnet den Weg zur Gelassenheit.

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  1. Es sind genau zehn Thesen, weil es auch zur Gelassenheit gehört, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.


Über den Autor:

Bernd Schuell wurde 1954 im unterfränkischen Hassfurt geboren, Er studierte Erziehungswissenschaft, Politische Wissenschaft, Philosophie und Geschichte. Ausbildung zum Journalisten. Über 20 Jahre Redakteur und freier Mitarbeiter bei verschiedenen Print- und Funkmedien. Lebt seit 2004 überwiegend auf Mallorca, wo er im Tourismus arbeitet, schreibt und philosophische Seminare veranstaltet.